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Das Risiko mit dem Risiko

Sie sagt es richtig! Sie ist Leistungssportlerin – aktuell die beste Ultracyclerin der Welt – nicht Sprachwissenschaftlerin, und dennoch sagt sie es richtig! Sie sagt: «Ich bin das Risiko eingegangen.» Bravo! Weshalb mir das so auffällt? Weil heutzutage kaum mehr jemand korrektes Deutsch zu können scheint. Wenn ein Hockeyspieler im Interview nach dem Match ausgepumpt sagt, «wir haben zu viel Risiko genommen», dann sei ihm ja noch knapp verziehen – insbesondere, wenn er, was im Eishockey ja öfters der Fall ist, eigentlich Englisch als Muttersprache hat. Von da kommt die Unsitte nämlich: «To take a risk» – auf Englisch der völlig korrekte Ausdruck – hat die deutsche Sprache offenbar schon so stark infiltriert, dass er auch von Deutschsprachigen sehr oft wörtlich übersetzt wird. Leuten, deren Steckenpferd nicht gerade Sprache ist, mögen sich vielleicht nicht bewusst sein, dass es auf Deutsch richtigerweise «ein Risiko eingehen» hiesse. Bei ihnen mögen wir darüber hinwegschauen. Wenn aber die renommiertesten Sportjournalisten und Kommentatoren, sowohl von privaten wie auch von öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen, bei Ski-Weltmeisterschaften oder Fussballländerspielen in der Liveberichterstattung oder ihrer Analyse finden, «die Sportler haben ein zu hohes Risiko genommen», rollen sich meine Zehennägel bis zu den Knien! Von Medienprofis, die sich tagein, tagaus mit Sprache beschäftigen, dürfte man meiner Meinung nach schon einen etwas gepflegteren Ausdruck erwarten, statt dessen regelrecht tragischen Zerfall. Und auch der Pressesprecher, der erklärt, wie grosse Risiken Anleger an der Börse «nehmen», ist aus meiner Sicht eine erbärmliche Figur. Bei solchen Vorbildern kann ich aber künftig auch dem Grossteil der deutschsprachigen Bevölkerung keinen Vorwurf machen, der ihnen nachredet und «Risiko nimmt». Ich meinerseits werde weiterhin korrekt «ein Risiko eingehen», auch wenn mich hier ausser der weltbesten Ultracyclerin wahrscheinlich bald niemand mehr versteht. Dieses Risiko nehme ich gerne – auf mich!

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