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Ich liebe es, in die Berge zu gehen – sei es zum Klettern, für Ski- oder Hochtouren, mit dem Mountainbike oder auch einfach mal zum Wandern. Denn Berge bieten einem so viele intensive Erlebnisse und bescheren einem so manch unvergessliches Abenteuer! Manchmal beginnt dieses allerdings schon, bevor man überhaupt draussen ist, sondern noch zu Hause bei der Tourenplanung sitzt – zumindest in sprachlicher Hinsicht... Als wir kurz vor Silvester mögliche Tourenziele ab der Maighelshütte besprachen, in der wir ein paar Tage verbringen wollten, fielen als Vorschläge unter anderem der Badus oder auch der Six Madun. Beides Gipfel, auf die eine nicht allzu lange Skitour ab der Hütte führt, mit kurzem Fussaufstieg zum Schluss. Wir hatten also bereits zwei Touren mit durchaus attraktivem Verhältnis von Aufwand und Ertrag – bei den prognostizierten mässigen Wetterverhältnissen mit eingeschränkten Möglichkeiten doch keine schlechten Aussichten. Es dauerte eine ganze Weile und wir waren schon fast bei der Detailplanung der Tour, bis wir feststellten, dass wir alle von ein und demselben Gipfel redeten! Nur nannten die einen seinen deutschen und eher bekannteren Namen Badus, während die anderen den romanischen Namen Six Madun benutzten, der leicht verschoben ebenfalls auf der Karte steht… Tja, wohl also der sprichwörtliche Gipfel der Verwirrung!
Eindeutiger war es da schon an einem anderen Skitourenwochenende in der Region Disentis. Tourenvorschlag war der Piz Ault bei Platta im Val Medel – auf der Karte mit keinem anderssprachigen Namen bezeichnet und damit als Gipfel klar identifizierbar. Wir gingen also an die Detailplanung, schauten Route, Steilheiten und Geländeformen an. Aber warum nur redeten die einen konstant von Nord- und Osthängen, während die anderen ständig West-Exposition nannten? Hatte es da mal wieder Leute drunter, die die Himmelsrichtungen durcheinanderbringen und stattdessen lieber von «auf der Karte links oder rechts» sprechen? Doch auch das führte nicht zum Ziel – die Aussagen blieben unterschiedlich. Des Rätsels Lösung: Im Val Medel gibt es tatsächlich zwei Piz Ault – einer rund drei Kilometer westlich von Platta, mit 2455 Metern, einer knapp zwei Kilometer östlich von Platta, mit 2471 Metern. Nur gerade gute vier Kilometer voneinander entfernt heissen zwei verschiedene Berge also genau gleich und sind auch noch fast gleich hoch! Wie soll denn hier eine ganze Gruppe vom gleichen Gipfel reden können? Immerhin waren damit schon zwei Touren im Detail geplant: Eine auf den Piz Ault, die andere ebenfalls…
Zu diesen Vorbereitungs-Hindernissen gesellt sich übrigens gerne noch ein weiterer Stolperstein dazu: Manche Berge heissen nämlich schlicht so ähnlich, dass man sie gerne verwechselt. Oder was soll denn beispielsweise schon der Unterschied zwischen dem Chilchalphorn und dem Chüealphorn sein? Die Antwort: Immerhin gute 70 Kilometer zwischen Hinterrhein und Davos!
Das Abenteuer Bergtour beginnt also oft schon zu Hause bei der Planung – mit einer sprichwörtlichen sprachlichen Gratwanderung. Wenn Worte nicht mehr helfen, gibt es schlicht nur eines: zusammen in die Karte schauen, um sich gegenseitig verstehen zu können. Übrigens eigentlich die perfekte Übung: Um sicher in den Bergen unterwegs zu sein, ist eine klare Kommunikation nämlich absolut essentiell – oft auch ohne Worte…

Foto: LAAX

Seit Kurzem darf ich im Hinblick auf die Olympischen Spiele die Medienarbeit für den Profi-Halfpipe-Snowboarder David Hablützel machen. Ein extrem spannendes Thema – und obwohl ich früher mal mehrere Jahre selber Snowboard gefahren bin, ist es auf diesem Niveau eine völlig neue Welt für mich. Und auch eine völlig eigene Sprache, die ich nun seit einigen Wochen zu verstehen und zu lernen versuche: «Snowboardisch»! Insbesondere die Namen der verschiedenen Sprünge haben es in sich… Der Siegeslauf von Iouri Podlatchikov an den LAAX OPEN Mitte Januar liest sich für einen Laien fast wie eine Abhandlung auf Chinesisch, obwohl die Namen mehrheitlich Englisch sind: Ein Frontside 900 Tailgrab, gefolgt von einem Backside 900 Nosegrab, dann ein Frontside Double Cork 1080 und ein Cab Double 1080 Mute und zum Schluss noch ein Alley Oop Double Backside Rodeo 900 Melon… Allein vom Zuschauen schwirrt einem da schon der Kopf – und die Namen tragen auch nicht sehr viel zur Klärung bei. Oder wissen Sie nach dieser Aufzählung, was der Sportler genau in der Halfpipe gezeigt hat?
Dabei gibt es eigentlich durchaus eine Logik in der Benennung der Sprünge: Die Zahl gibt die Drehung um die eigene Achse in Grad an, also quasi die Anzahl Schrauben, Frontside und Backside bezeichnen die Drehrichtung, ein Cork ist eine Drehung über den Kopf, also gewissermassen ein integrierter Salto, «Cab» steht für rückwärts angefahren und zuhinterst kommen die «Grabs», also wo das Brett mit der Hand gefasst wird. Ein Frontside Double Cork 1080 ist also ein Sprung, mit Drehrichtung, bei der die Vorderkante zuerst gegen das Tal zeigt, mit drei Schraub-Drehungen um die eigene Achse, also 1080 Grad, wovon bei zweien eine Drehung über den Kopf, also quasi ein Salto integriert wird – zwei Corks eben. Soweit also logisch und doch einigermassen hilfreich, um zu verstehen, was da so in die Luft geturnt wird. Bis zu vier Drehungen, also 1440 Grad, werden heute von Spitzenfahrern gemacht – schwindelerregend...
Ein rückwärts angefahrener Doppelsalto mit vierfacher Schraube müsste nach der eben erklärten Logik also eigentlich Cab Double Cork 1440 heissen. Eigentlich… Der Erfinder des Sprungs hat ihn aber kurzerhand «Yolo-Flip» getauft, für «you only live once» - und so wird er in der Snowboardszene nun auch genannt. Tja, so schnell ist es wieder vorbei mit der mühsam erlernten Logik! Nun, wer soll es den Snowboardern schon verübeln: Schliesslich reden wir im Alltag auch von einem «Pfünderli» und kaum je von einem «halben Kilo Brot», und «Hippie-Bus» oder «Bulli» klingen einfach auch besser als «VW T1»…
Ausserdem spielt es für den Grossteil der Zuschauer auch kaum eine Rolle, ob sie den Sprung nun «verstehen» oder nicht. Die Unterschiede in der Luft sind für Laien so oder so schwer zu sehen und ob ein Athlet nun drei oder vier Drehungen gemacht hat, ist von blossem Auge kaum zu erkennen. Viel Eindruck hinterlassen schlussendlich einfach die unglaublichen Kunststücke, die die Profis akrobatisch in den Himmel zaubern. Und zum nach aussen getragenen, legeren Image der Snowboarder passt der technische Begriff Cab Double Cork 1440 doch eigentlich viel weniger, als der das pure Lebensgefühl ausdrückende «Yolo-Flip»! Das ist eben «Snowboardisch»!

Eine Metapher ist eine in der Sprache übertragene Bedeutung oder ein Vergleichsbild, ein Stilmittel zur Veranschaulichung eines bestimmten Sachverhalts, der mit der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs nichts zu tun hat, wie zum Beispiel «den Nagel auf den Kopf treffen». Metaphern sind unter Schreiberlingen aber auch ein durchaus beliebtes Mittel, um bewusst Sprachkompetenz oder besondere Kreativität zu demonstrieren – und manchmal vielleicht auch, um ein bisschen mit einer ausgefallenen Idee zu bluffen. Nur treffen Metaphern den Nagel leider nicht immer auf den Kopf. Ein oft gehörtes Beispiel ist «passend, wie die Faust aufs Auge». Ich bin sicher, Sie kennen den Ausdruck und wissen, was er bedeutet, richtig? Nur: Gemäss Duden hat ebendiese Metapher zwei Bedeutungen – die sich ferner nicht liegen könnten: «1. überhaupt nicht passen. 2. genau passen.» Ja – was nun? Ursprünglich die erste Bedeutung meinend – bildlich vorgestellt ist die Faust auf dem Auge oder wie es dazu kommt ja nicht gerade ein harmonisches Paar – aber zig mal missverstanden, ist heute nur noch aus dem Kontext und oftmals auch gar nicht zu erahnen, welche der zwei Bedeutungen das Gegenüber nun meint. Die Metapher hat es mit ihrer Doppelbedeutung also gewissermassen faustdick hinter den Ohren und Missverständnisse sind vorprogrammiert. Was tun? Ab der Unklarheit der Redewendung die Faust im Sack zumachen, trägt wohl auch nicht zur Klärung bei. Viel wichtiger wäre – auch für Schreiberlinge – die Bedeutung einer Metapher vor deren Verwendung noch einmal zu hinterfragen, und zum Beispiel in Sachen Faust aufs Auge auch besser mal ein Blatt vor den Mund nehmen. Das ist angewandte Sprachkompetenz.

Als sprachgewandter Schweizer ist man sich gewohnt, im Gespräch mit Menschen aus der Ferne wenn immer möglich in die Sprache des Gegenübers zu wechseln. Da ich mehrere Sprachen spreche, gelingt mir das zu meiner eigenen Zufriedenheit auch ziemlich oft. Meine Reisen in den letzten Jahren führten zum Beispiel nach Südamerika, Australien, Neuseeland, Südafrika, Frankreich oder Italien. Alles Regionen, deren Sprachen ich beherrsche, zumindest gut genug, um einen Kaffee zu bestellen oder ein Zimmer zu reservieren – manche auch deutlich besser.
Bei meiner letzten Reise jedoch war das etwas anders… Ich fuhr nach Kroatien. Und stellte schnell fest: Ich war schon lange nicht mehr an einem Ort, in dessen Landessprache ich ausser Guten Tag – Dobar dan – und Danke – Hvala – kein Wort verstehe. In diesem Land jedoch konnte ich nicht mal Ortsschilder vernünftig lesen, geschweige denn richtig aussprechen… Dieser Sachverhalt entpuppte sich für mich als überraschend ungewohnt und ich kam mir regelrecht deplatziert vor. Zum Glück wissen fast alle Kroaten in den touristischen Regionen, dass Besucher ihre Sprache kaum verstehen und wechseln dementsprechend flink auf Deutsch, Englisch oder Italienisch. Und immerhin kann ich all diese Alternativ-Sprachen zur Auswahl bieten, sodass die Kommunikation vor Ort nie wirklich ein Problem war. Dennoch fühlte ich mich stets ausgesprochen inkompetent, wenn ich dann beschämt in Deutsch oder Englisch Kaffee bestellte oder nach den einfachsten Informationen fragte. Bis wir in einem Restaurant vor einer kroatisch beschrifteten Vitrine mit Süssigkeiten standen. Und da war sie: Die «Kremschnitta»! Daneben lagen zahlreiche andere extrem lecker aussehende Dinge – allerdings mit unaussprechbaren Namen. Der Fall war klar: Dankbar bestellte ich die Cremeschnitte – natürlich in Landessprache – einfach, um mich ein bisschen besser zu fühlen.

Sie sagt es richtig! Sie ist Leistungssportlerin – aktuell die beste Ultracyclerin der Welt – nicht Sprachwissenschaftlerin, und dennoch sagt sie es richtig! Sie sagt: «Ich bin das Risiko eingegangen.» Bravo! Weshalb mir das so auffällt? Weil heutzutage kaum mehr jemand korrektes Deutsch zu können scheint. Wenn ein Hockeyspieler im Interview nach dem Match ausgepumpt sagt, «wir haben zu viel Risiko genommen», dann sei ihm ja noch knapp verziehen – insbesondere, wenn er, was im Eishockey ja öfters der Fall ist, eigentlich Englisch als Muttersprache hat. Von da kommt die Unsitte nämlich: «To take a risk» – auf Englisch der völlig korrekte Ausdruck – hat die deutsche Sprache offenbar schon so stark infiltriert, dass er auch von Deutschsprachigen sehr oft wörtlich übersetzt wird. Leuten, deren Steckenpferd nicht gerade Sprache ist, mögen sich vielleicht nicht bewusst sein, dass es auf Deutsch richtigerweise «ein Risiko eingehen» hiesse. Bei ihnen mögen wir darüber hinwegschauen. Wenn aber die renommiertesten Sportjournalisten und Kommentatoren, sowohl von privaten wie auch von öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen, bei Ski-Weltmeisterschaften oder Fussballländerspielen in der Liveberichterstattung oder ihrer Analyse finden, «die Sportler haben ein zu hohes Risiko genommen», rollen sich meine Zehennägel bis zu den Knien! Von Medienprofis, die sich tagein, tagaus mit Sprache beschäftigen, dürfte man meiner Meinung nach schon einen etwas gepflegteren Ausdruck erwarten, statt dessen regelrecht tragischen Zerfall. Und auch der Pressesprecher, der erklärt, wie grosse Risiken Anleger an der Börse «nehmen», ist aus meiner Sicht eine erbärmliche Figur. Bei solchen Vorbildern kann ich aber künftig auch dem Grossteil der deutschsprachigen Bevölkerung keinen Vorwurf machen, der ihnen nachredet und «Risiko nimmt». Ich meinerseits werde weiterhin korrekt «ein Risiko eingehen», auch wenn mich hier ausser der weltbesten Ultracyclerin wahrscheinlich bald niemand mehr versteht. Dieses Risiko nehme ich gerne – auf mich!