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Es ist in der zweiten Corona-Welle gegen Ende 2020, als auch ich mir die Medienkonferenz des Bundesrats im Schweizer Fernsehen anschaue. Zum einen interessieren mich natürlich die neuen Massnahmen, als Texterin und Kommunikatorin aber auch stets die Art und Weise sowie die Strategie, wie etwas kommuniziert wird – gerade in einer Krise. Sehr bald gilt meine Aufmerksamkeit aber keinem der beiden Themen mehr – denn plötzlich sehe ich meine Vereinskollegin Sarah Caminada am Bildschirm und frage mich, ob das wirklich sein kann… Nein, sie ist weder Politikerin noch Fachexpertin und auch nicht Journalistin. Trotzdem steht sie da, wild gestikulierend, vor einem Millionenpublikum: Sie dolmetscht die Medienkonferenz simultan in Gebärdensprache! Fasziniert und schwer beeindruckt hänge ich nicht primär an ihren Lippen – sondern vor allem an ihren Händen und ihrer Mimik. Unglaublich, wie schnell und scheinbar präzise sie das alles ausdrückt. Ob sie wirklich genau das übersetzen kann, was gesprochen wird? Wie viele Details muss sie weggelassen, weil es zu schnell geht oder es in Gebärdensprache keine Ausdrücke dafür gibt? Kann sie Emotionen oder Tonalität auch rüberbringen? Wer merkt, wenn ihr ein Fehler passiert? Wie auch bei klassischem Übersetzen oder Dolmetschen in gesprochene Sprachen ist es sicher auch hier Berufsstolz und Vertrauenssache. Nur – in Zeiten von Deepl und Google-Translator kann man bei klassischen Fremdsprachen die Inhalte doch manchmal noch nachvollziehen oder zumindest ansatzweise überprüfen. Bei der Gebärdensprache geht das kaum – es ist eine Art Geheimsprache unter den Gehörlosen, eine Welt, in der uns Hörenden für einmal quasi die Hände gebunden sind.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Primarschulzeit, in der ich und meine damals besten Freundinnen manchmal in Geheimsprache zu kommunizieren versuchten, damit andere uns nicht verstehen. Oft wurden wir deswegen von den Lehrern getadelt. Dass dies aber auch bis vor Kurzem den Gehörlosen  trotz ihren Einschränkungen widerfuhr, ja, sie wegen der Nutzung ihrer Sprache sogar geschlagen wurden, ist traurige Realität: Obwohl Gebärdensprache schon auf die Antike zurückgeht, wollte man ab Anfang des 19. Jahrhunderts gehörlose Kinder ausschliesslich zum Sprechen erziehen. Hörende bekämpften die Gebärdensprache mit allen Mitteln und machten sie als «Affensprache» schlecht, worauf sie ab 1880 länderübergreifend in fast allen Schulen verboten wurde – ein Zustand, der mancherorts bis in die 1990er-Jahre anhielt…

Die Gebärdensprache überlebte vor allem dank der Anwendung im Untergrund und im privaten Bereich der Familie. Obwohl sie heute offiziell als vollwertige Sprache akzeptiert ist, kämpfen die rund 500'000 Hörbehinderten in der Schweiz auch jetzt noch ständig um Gleichberechtigung. So wurden beispielsweise die Medienkonferenzen des Bundes zu Corona anfänglich nicht in Gebärdensprache übersetzt – erst auf Druck des Schweizerischen Gehörlosenbundes wurden Gebärdensprachdolmetscher engagiert. Meine Vereinskollegin Sarah ist eine davon und verschafft durch ihre Arbeit der gehörlosen Minderheit in der Deutschschweiz in der aktuellen Krise Zugang zu wichtigen Informationen.

Auch andere aus unserem Verein sind beeindruckt – wie ich wussten offenbar viele nicht von Sarahs Engagement. Der Club-Chat läuft auf Hochtouren – es kommen zahlreiche Komplimente, Bewunderung und Respekt, aber auch unzählige Fragen, von denen eine kleine Auswahl weiter oben schon aufgeführt ist. Ich will mehr wissen und beschliesse, Sarah anzurufen. Resultat unseres Telefontermins wird ein hochspannendes Interview über Gebärdensprachdolmetschen, das am Ende dieses Textes in voller Länge folgt und viele der Fragen aus unserem Club-Chat beantwortet. Aus den Rückmeldungen im Verein wird aber auch klar, dass vielen von uns bis jetzt überhaupt nicht bewusst war, welch schweren Stand Hörbehinderte hierzulande eigentlich haben. So ist es auch durchaus etwas ironisch, dass diese Minderheit durch die am TV gedolmetschten Medienkonferenzen plötzlich eine deutlich breitere Aufmerksamkeit erhält, just in einer Zeit, in der sich ihre Alltagskommunikation wegen der ausgedehnten Maskenpflicht noch viel schwieriger gestaltet, als sonst.

Einen positiven Aspekt erläutert Tatjana Binggeli, Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes im Wissensmagazin Einstein des Schweizer Fernsehen dennoch: Wegen der Masken erfahren momentan auch Hörende am eigenen Leib, wie viel nonverbale Information in einem Gespräch plötzlich fehlt, wenn nur noch ein Teil der Mimik sichtbar ist. So wächst zumindest im Ansatz das Verständnis, was Sprachbarrieren für Betroffene bedeuten. Mehr Empathie und die Bemühungen von Hörenden, sich deutlicher auszudrücken, seien für Hörbehinderte zurzeit spürbar, findet Binggeli. Bleibt zu hoffen, dass Corona dadurch zumindest den Gehörlosen auch nachhaltig und über die Zeit der Maskenpflicht hinaus mehr Gehör verschafft – und der Gebärdensprache mehr Sichtbarkeit.

 

«Grundsätzlich lässt sich alles übersetzen!» – Gebärdensprachdolmetscherin  Sarah Caminada im Interview

TEXTSCHAFT: Sarah, seit die Medienkonferenzen des Bundes zu Corona in Gebärdensprache gedolmetscht werden, stehst du bei deiner Arbeit plötzlich vor einem Millionenpublikum. Erhältst du viele Reaktionen?
Sarah Caminada: Ja, es sind deutlich mehr als vorher. Bis anhin nahmen eigentlich nur Leute die Übersetzungen in Gebärdensprache wahr, die sich quasi zufällig oder fast irrtümlich mal Sendungen auf SRF Info statt auf den Hauptkanälen anschauten und uns dann da bei unserer Arbeit sahen. Durch die jetzigen Engagements bei den Medienkonferenzen erhält die Gebärdensprache scheinbar schon eine viel höhere Aufmerksamkeit.

TEXTSCHAFT: Wie genau lässt sich überhaupt in Gebärdensprache übersetzen? Musst du viele Details weglassen, weil es keine entsprechenden Ausdrücke gibt oder es einfach zu schnell geht?
Sarah Caminada: Grundsätzlich lässt sich alles in Gebärdensprache übersetzen, die sprachlichen Mittel sind vorhanden – und das ist natürlich auch immer das Ziel. Bei neuen Begriffen, zu denen es noch keine etablierten Gebärden gibt, müssen wir aber manchmal kreativ sein und beispielsweise mittels Fingeralphabet buchstabieren. Da kann die Zeit in einer Medienkonferenz schon mal etwas knapp werden.

TEXTSCHAFT: Wie entstehen denn neue Begriffe in Gebärdensprache? Gibt es dazu ein filmisches Wörterbuch?
Sarah Caminada: Hier muss ich erst anfügen, dass es zahlreiche verschiedene Gebärdensprachen gibt. Ich kann den Prozess nur für die Deutschschweizer Gebärdensprache erklären, in die ich auch dolmetsche. Es gibt tatsächlich ein Online-Lexikon vom Schweizerischen Gehörlosenbund. Allerdings dauert es manchmal etwas länger, bis neue Ausdrücke da drin erscheinen, da sie erst aufgenommen werden, wenn sie genügend etabliert sind. Neue Gebärden entstehen jeweils bottom-up aus der Community heraus und müssen sich im Gebrauch erst durchsetzen. Die gebräuchliche Gebärde für Corona war beispielsweise im Februar 2020 noch eine andere, als jetzt. Es ist also ein sehr lebendiger Prozess. Mein Arbeitgeber stellt uns daher auf einer Plattform jeweils Inputs direkt von Gehörlosen zur Verfügung, die wir so bei aktuellen Themen auch schon nutzen können, bevor sie im Wörterbuch erscheinen.

TEXTSCHAFT: Weshalb gibt es denn so viele verschiedene Gebärdensprachen?
Sarah Caminada: Wie bei gesprochenen Sprachen entstanden in verschiedenen Regionen halt auch verschiedene Gebärdensprachen. Diese sind komplett losgelöst von den jeweiligen Lautsprachen, aber halt doch unterschiedlich. Es gibt allein in der Schweiz drei verschiedene Gebärdensprachen, je für die deutsch-, die französisch- und die italienischsprachige Schweiz. Angrenzende Länder wie Österreich oder Deutschland verwenden wieder andere Gebärdensprachen. Dazu kommen zahlreiche regionale Dialekte. In der Deutschschweiz unterscheidet man deren fünf, die historisch aus den verschiedenen Gehörlosenschulen gewachsen sind. Diese sind sich aber nahe genug, dass sich alle untereinander verstehen.

TEXTSCHAFT: Gibt es denn eine internationale Gebärdensprache als Konsens?
Sarah Caminada: Es gibt «International Sign», das dem ansatzweise gleichkommt. International Sign wird aber bewusst nicht als effektive Sprache bezeichnet, da es eigentlich ein künstliches Konstrukt ist. Spannend ist, dass sich Gehörlose aus verschiedenen Regionen trotz unterschiedlicher Gebärdensprachen oft rasch verstehen. Wenn wir Hörenden im Ausland sind und uns verbal nicht ausdrücken können, beginnen wir auch automatisch, mit Händen und Füssen zu kommunizieren. Gehörlose sind darin natürlich wahre Meister und können sich dank ihrer grossen Übung meist schnell verständigen.

TEXTSCHAFT: Wie ist es denn mit Emotionen, Tonalität oder gar Humor und Wortwitz? Lässt sich das in Gebärdensprache übersetzen?
Sarah Caminada: Emotionen werden ja auch von Hörenden sehr stark durch Körpersprache und Mimik ausgedrückt – das lässt sich also wunderbar übertragen. Auch einer Tonalität liegt meist eine Art Emotion zu Grunde, das funktioniert weitgehend. Was Humor und Wortwitz betrifft – da könnten auch konventionelle Dolmetscher von gesprochenen Sprachen abendfüllend Anekdoten erzählen… Wortwitze lassen sich so gut wie nie adäquat in eine andere Sprache übersetzen – auch nicht in Gebärdensprache. Humor eigentlich schon. Wie er ankommt, ist aber – wie unter Hörenden – viel mehr von den anwesenden Menschen beziehungsweise deren Humor abhängig, als von den sprachlichen Mitteln.

TEXTSCHAFT: Wie wird man überhaupt Gebärdensprachdolmetscher, beziehungsweise, wie war dein Werdegang?
Sarah Caminada: Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist noch jung, den gibt es offiziell erst seit den 90er-Jahren. Ursprünglich habe ich an der Uni Bern Englisch studiert. Das allein erfüllte mich aber noch nicht. Aus rein sprachlichem Interesse habe ich dann einen Gebärdensprachkurs besucht – da hat es mir regelrecht den Ärmel reingenommen! Daraufhin habe ich an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich den Bachelor of Arts in Sign Language Interpreting für die Deutschschweizer Gebärdensprache gemacht. Dieser Lehrgang startet bisher aber nur alle drei Jahre.  

TEXTSCHAFT: Du hattest vor deiner Ausbildung also keinerlei persönlichen Bezug zur Gebärdensprache, beispielsweise einen familiären Hintergrund?
Sarah Caminada: Nein. Ich habe diesbezüglich weder einen familiären Hintergrund noch ein Helfersyndrom. Mein Interesse war primär sprachlicher Natur. Auch in meiner Klasse hatten nur gerade einzelne einen persönlichen Bezug. Eine gewisse Distanz ist in diesem Beruf im Sinne von Gleichberechtigung auch hilfreich. Wer nur aus Mitleid für Gehörlose studieren will, wird gar nicht erst zugelassen. Ich komme aber ursprünglich aus dem Bündnerland und bin mit Romanisch aufgewachsen. Ich weiss also zumindest, was es bedeutet, einer sprachlichen Minderheit anzugehören.

TEXTSCHAFT: Wie kamst du zu den Engagements bei den Medienkonferenzen des Bundes?
Sarah Caminada: Die Buchungen laufen über meinen Arbeitgeber Procom. Wir sind allerdings nie in Bern vor Ort, sondern dolmetschen aus dem TV-Studio in Zürich.

TEXTSCHAFT: Ich stelle mir das als riesige Herausforderung vor… Was ist dabei am anspruchsvollsten?
Sarah Caminada: Live-Gefässe sind natürlich immer anspruchsvoller als aufgezeichnete Sendungen. Hier ist es aber insbesondere die Kombination mehrerer fordernder Einzelkomponenten im Paket. Wir können uns jeweils nur marginal auf diese Einsätze vorbereiten, da wir vorab auch nicht mehr wissen, als der normale Bürger. Die Themen sind oft sehr komplex oder auch wissenschaftlich, insbesondere bei den Experten-Konferenzen des BAG, die wir ja auch dolmetschen. Die Inhalte sind von nationaler Relevanz und haben eine sehr hohe Reichweite. Zudem sind wir ja Dolmetscher, nicht Schauspieler. Die Präsenz der Kamera trägt also eher nicht zur Beruhigung bei und auch nicht, dass die Beiträge später für lange Zeit im Archiv verfügbar sind… Da ist der Druck schon hoch, eine gute Leistung zu bringen. Man ist die ganze Zeit voll konzentriert.

TEXTSCHAFT: Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ihr euch jeweils abwechselt?
Sarah Caminada: Genau. Bei diesen Medienkonferenzen vor Kamera sind wir immer zu zweit und wechseln uns etwa alle zehn Minuten ab. Einfach Pause machen können wir dazwischen aber nicht. Wir müssen natürlich alles mitbekommen, um nachher inhaltlich den Zusammenhang wieder herstellen zu können oder bei Journalistenfragen im Anschluss den Bezug zu haben. Noch anspruchsvoller ist eigentlich nur die Tagesschau, da dort zusätzlich alle paar Minuten das Thema wechselt. Aber die dolmetsche ich nicht.

TEXTSCHAFT: Überprüft jemand während diesen Einsätzen jeweils eure Übersetzungen auf inhaltliche Richtigkeit?
Sarah Caminada: Nein, nicht direkt. Aber wir erhalten manchmal schon Rückmeldungen von Gehörlosen oder von unserem Arbeitgeber. Aufgrund dieser Feedbacks sind wir natürlich auch stets bestrebt, uns zu verbessern.

TEXTSCHAFT: Immerhin dürft ihr ohne Maske arbeiten…
Sarah Caminada: Ja, in Gebärdensprache übersetzen geht mit Maske definitiv nicht. Deshalb müssen wir zurzeit aber bei unseren Einsätzen besonders vorsichtig sein in Bezug auf Abstand – oder wir lösen es auch mal über Videocalls.

TEXTSCHAFT: Was bedeutet die zurzeit sehr ausgedehnte Maskenpflicht für Gehörlose?
Sarah Caminada: Da ich selber hörend bin, kann ich hierzu nicht für Gehörlose sprechen. Als Gebärdensprachdolmetscher sind wir zwar oft die Exponenten, aber nicht die Repräsentanten der Gehörlosen. Auch wir können uns nur eingeschränkt in deren wirkliche Situation versetzen – da wäre es nicht adäquat, hierzu für sie Stellung zu nehmen. Da Masken aber sogar für uns Hörenden die Kommunikation merklich beeinträchtigen, ist die momentane Situation für Hörbehinderte sicher nochmals deutlich erschwert. 

TEXTSCHAFT: Ist die aktuell erhöhte Aufmerksamkeit für die Gebärdensprache eine Chance?
Sarah Caminada: Ich hoffe es. Gehörlose müssen noch immer sehr oft darum kämpfen, dass Gebärdensprachdolmetscher finanziert werden. Eine breitere Aufmerksamkeit hilft hier hoffentlich.

TEXTSCHAFT: Sarah, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

Zur Person
Die 33-jährige Sarah Caminada ist im romanischsprachigen Bündnerland aufgewachsen und lebt heute in Bern. Sie hat ursprünglich Englisch studiert, seit 5 Jahren ist sie zudem diplomierte Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie arbeitet in einem 60%-Pensum bei der Stiftung Procom, dem Schweizer Vermittler von Dolmetschdienstleistungen für Hörbehinderte. Anfangs 2021 startet sie berufsbegleitend das europäische Master-Studium für Gebärdensprachdolmetschen (EUMASLI). Zudem arbeitet sie 40% an der Uni Bern im Bereich Studienangebotsentwicklung.

Es gibt diese Leute, die beim Reden einen Tick haben. Die nach jedem dritten Wort «ääähm» oder «also» sagen, jeden Satz mit «weisst du» beenden oder immer und immer wieder den gleichen Begriff benutzen – so, dass man gar nicht mehr hinhört, was das Gegenüber eigentlich erzählt. Man ist nur noch auf diesen einen Ausdruck fixiert, wartet gespannt, bis er wiederkommt, ärgert sich innerlich leicht, sobald es soweit ist, denkt aber triumphierend «wusst ich’s doch!» und zählt in Gedanken mit – wieder ein Strich mehr...

Kennen Sie das? Ich auch! Erst kürzlich ist es wieder passiert. Und zwar, als ich mir im Fernseher das Halbfinale von «The Voice of Germany» ansah – beziehungsweise anhörte. Welches Wort mich so triggerte? «Unfassbar!» Unfassbar, denken Sie nun vielleicht… Aber, obwohl sich manche der Coaches durchaus eloquent ausdrücken, fiel mir schon früh in der Staffel auf, dass einige von ihnen diesen Begriff schon fast inflationär verwendeten: Der Gesang der Kandidaten ist unfassbar schön, der Song unfassbar schwierig oder der Fortschritt unfassbar toll. Der Ausdruck mag ja hin und wieder angebracht sein – aber es gäbe in unserer vielfältigen deutschen Sprache doch so zahlreiche passende Alternativen. Ein Online-Wörterbuch liefert gar über 40 Synonyme, die anstelle von «unfassbar» situativ in die TV-Show passen würden. Die Talente könnten also zum Beispiel auch mal überragend, fabelhaft oder sensationell klingen, das Lied ausserordentlich, enorm oder überaus schwierig und der Fortschritt verblüffend, spektakulär oder beispiellos sein.

Nun, vielleicht sind nicht alle Musiker sprachaffin – müssen sie grundsätzlich auch nicht. Von den Coaches mit Deutsch als Muttersprache, die alle auch aktive Songwriter sind und sich im Rahmen ihrer Liedtexte bewiesenermassen sehr differenziert mit Sprache und Wortwahl auseinandersetzen, hätte ich aber schon ein etwas reichhaltigeres Vokabular erwartet – zumal sie ja jeweils einen ganzen Auftritt lang Zeit haben, zu überlegen, was sie nachher sagen wollen. Aber weiter ging’s: Unfassbar da, unfassbar dort… Ich konnte nicht anders und begann, innerlich Striche zu machen, einer nach dem anderen. Das war ganz schön viel Arbeit. Und dann wurde es auch noch stressig: Als einer der Coaches den Ausdruck innert nur 30 Sekunden tatsächlich dreimal benutzte, um die Leistung einer Sängerin zu beschreiben, geschah es – ich verpasste die Entscheidung, wer ins Finale einzieht, weil ich noch damit beschäftigt war, die gedankliche Strichliste nachzuführen… Ausgesprochen schade, nicht? Oder, wie einige der Coaches kommentieren würden – einfach unfassbar!

Velofahren boomt! Das war schon vor Corona so. Dieses Jahr ist es aber ein derart breiter Trend geworden, dass scheinbar sämtliche Radsportgeschäfte leergekauft sind. Die Stadt Zürich hat eben eine Initiative für ein Veloschnellroutennetz von mindestens 50 Kilometern in den nächsten 10 Jahren angenommen – der Aufschwung dürfte also noch eine Weile andauern. Und plötzlich wollen alle beim Thema Velo mitreden. Damit das auch gelingt, erklärt TEXTSCHAFT hier ein paar Begriffe für Szene-Newbies.

Eigentlich ist es ganz einfach: Das Velo ist die schweizerische Bezeichnung des Fahrrads, kurz Rad. Die schnittige Sportvariante für auf Asphalt nennt sich Rennrad. Für die Gelände-Version hat sich in unseren Gefilden der englische Begriff Mountainbike durchgesetzt, kurz Bike. Bereits hier ist es aber nicht mehr so einfach: Verwendet man im englischsprachigen Raum den eigentlich englischen Begriff Bike, versteht man dort darunter sehr oft nicht ein Bergvelo, sondern ein Motorrad – oder auf gut Schweizerisch, einen Töff. Ebenso verwirrend ist der Begriff Enduro-Bike: Bei uns meist ein für raue Abfahrten optimiertes Mountainbike, mit dem man aber auch den Berg hoch treten kann, auf Englisch – und natürlich auch in der Töffszene – gemeinhin wiederum ein Motorrad, geländegängig konzipiert. Sonst eher viel umstritten, bringt das E-Bike in diesem Fall eine gewisse Versöhnung – ist es doch so eine Art Mischung aus Velo und Töffli und wird in beiden Sprachen gleich genannt. Seit dem Comeback des Radquer-Booms ist es aber noch komplizierter geworden: Um das Querrad tummeln sich auch bei uns englische Begriffe wie Cyclocrosser oder Gravelbike – klar, klingt ja auch cooler als «Schottervelo». Auch die Jedermann-Querrennen – oder, aus Amerika importiert, die «Gravel Grinder», wörtlich übersetzt in etwa «Kies-Mahlwerke», feiern ein Revival.

Und als ob das alles noch nicht genug wäre, entstehen in der Veloszene laufend neue Wortkreationen. So heisst eine eher neuere, internationale Rennserie mit Ursprung in den USA «Grinduro». Der Event kombiniert nicht etwa Kaffeemühlen mit Offroad-Motorrädern, sondern vereint das Beste von Gravel Grinder Races und Enduro-Mountainbikerennen. Eine Weiterentwicklung dieser Wortschöpfung ist ein Wettkampf namens Blinduro, bei dem die gemessenen Abschnitte nicht etwa mit Scheuklappen gefahren werden, sondern den Teilnehmern unbekannt sind, sodass sie eben «blind» zurückgelegt werden. Wer bei all diesen Steigerungen um «blind Races» so langsam den Durchblick verliert, wird sich der Einfachheit halber vielleicht doch überlegen, statt auf das Velo auf ein anderes, aber auch äusserst «nettes» Zweirad umzusteigen – das Trottinett…

Vor knapp einem Jahr habe ich in diesem Blog darüber geschrieben, wie schwierig sich für mich als äusserst sprachaffine Person die Kommunikation mit meiner neugeborenen Tochter gestaltet. Inzwischen ist sie zu einem 14 Monate alten, äusserst mobilen und aktiven Kleinkind herangewachsen. Obwohl sie noch nicht sprechen kann, lehrt sie uns Tag für Tag, wie sie sich auch so verständlich machen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Wege sie findet, um ihren Willen mehr als klar auszudrücken. Es ist eine regelrechte Wiederentdeckung der nonverbalen Kommunikation. Hat sie Hunger, marschiert sie zu ihrem Hochstuhl am Tisch und versucht, hinauf zu klettern. Sitzt sie dann drauf, zeigt sie auf das, was sie am liebsten essen will – vorzugsweise natürlich unser Dessert für Erwachsene – oder reckt sich nach ihrem Trinkbecher, so dass auch wir verstehen, dass sie Durst hat. Unterstützt wird das manchmal von einem energischen und fordernden «Mmh», das nur allzu deutlich «ich will» ausdrückt. Den gleichen Laut, aber mit einem fragenden Anheben der Stimme am Ende, benutzt sie, wenn sie etwas wissen möchte – ganz nach dem Motto, c’est le ton qui fait la musique. Ist sie müde, nimmt sie uns an der Hand und führt uns regelrecht ab – zu ihrem Bett, sodass wir sie hineinlegen können. Soweit so naheliegend.

Überraschend kreativ und damit noch unmissverständlicher wird sie aber, wenn sie nach draussen will – und das will sie ständig. Erst schleppt sie uns zur Haustür. Reicht das nicht, holt sie ihre kleinen Turnschuhe und drückt sie uns in die Hand. Reagieren wir nicht, versucht sie, die Schuhe selber anzuziehen – wodurch sie dann doch immerhin ein paar Minuten beschäftigt ist. Passiert immer noch nichts, bringt sie unsere grossen Schuhe zu uns. Stellen wir uns blöd an, demonstriert sie uns geduldig, dass diese an die Füsse gehören und hilft uns auch motiviert, reinzuschlüpfen. Spätestens dann hat sie meist gewonnen und wir machen uns bereit, nach draussen zu gehen. Dann wird jeweils auch klar, dass sie verbal ebenfalls schon sehr viel von dem versteht, was wir zu ihr sagen. Dinge wie «hol schon mal deine Jacke» oder «zieh bitte deine Mütze an», setzt sie dann ohne zu zögern um. Auch auf «wo ist denn dein Sonnenhut?» reagiert sie rasch und holt ihn da, wo sie ihn zuletzt vom Kopf gezupft hat. Es wird aber auch klar, dass ihr Zuhören schon jetzt sehr selektiv ist und sie uns vor allem dann versteht, wenn es nach ihrem Kopf geht. Ein «Nein», weil wir an diesem Tag trotz Regen schon dreimal draussen waren, ignoriert sie gern geflissentlich und schleppt uns weiter unermüdlich zur Tür. Dann muss auch ich als Texterin manchmal zu nonverbaler Kommunikation und selektivem Hören greifen, um mich verständlich zu machen – indem ich breitbeinig die Tür versperre, ihre Schuhe und Jacke für sie unerreichbar deponiere und ihren lautstarken Trotz dann einfach mal für ein Weilchen ignoriere…

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Ich bin es gewohnt, im Homeoffice zu arbeiten. Seit ich mich vor gut zwei Jahren mit TEXTSCHAFT selbständig gemacht hab, ist mein Arbeitsplatz zu Hause. Texte schreiben erfordert meist volle Konzentration – also bin ich allein daheim effizienter, als wenn ich mich in einem Co-Working-Space einmieten würde. Ich bin daher mit den Sonnen- und Schattenseiten von Homeoffice durchaus vertraut und habe meine Wege gefunden, erstere zu geniessen und mit letzteren umzugehen. Durch die Corona-bedingten Massnahmen des Bundes sind momentan aber viele Arbeitnehmer mit Homeoffice konfrontiert, denen dieser Umgang fremd ist. Die Vorzüge sind offensichtlich: Es ist reizvoll, einen Arbeitsweg von 30 Sekunden statt 30 Minuten zu haben, in der Jogginghose am PC zu sitzen, bequem vom Sofa aus zu arbeiten und den Pausenkaffee auf dem sonnigen Balkon zu geniessen. Dass man diesen aber allein trinken muss, ist neben viel nötiger Selbstdisziplin ganz offensichtlich eine der Schattenseiten. Obwohl ich mich als Texterin schriftlich durchaus gewandt ausdrücken kann und geschriebene Sprache liebe, habe ich mir genau deshalb angewöhnt, viel öfter zu telefonieren, als E-Mails zu schicken. Habe ich eine Frage, ein Anliegen oder brauche eine Information, rufe ich meine Auftraggeber oder Partner gerne an. Zum einen, weil die persönliche Kommunikation in den meisten Fällen nicht nur effizienter ist, sondern am Telefon oft auch weniger Missverständnisse entstehen, als per E-Mail. Zum anderen aber auch, weil der Smalltalk zu Anrufbeginn ein Stück weit die fehlende Gesellschaft beim Pausenkaffee wettmacht, ich mich als soziales Wesen über die Ausstrahlung in der Stimme des anderen freue und weil bei einem persönlichen Gespräch viel schneller eine sinnvolle oder kreative Lösung und damit Team-Spirit entsteht, als in einer E-Mail. Zu Zeiten von Social Distancing sind Telefongespräche also umso bedeutender – denn nicht nur uns Dauer-Homeofficern fehlen persönliche Kontakte, sondern nun auch den vielen temporären. Deshalb rufe ich alle, die momentan zu Hause arbeiten, zu einem Selbstversuch gegen den Corona-Blues in der sozialen Isolation auf: Die «More-Calls-than-Mails-Challenge»! Für jedes geführte Telefongespräch gibt es einen Strich auf der einen Seite der Liste – für jedes versendete E-Mail einen auf der anderen. Wer schafft es, an einem Homeoffice-Tag mehr Telefonate zu führen, als E-Mails zu verschicken? Ich bin gespannt auf Rückmeldungen! Als kleine Zusatzmotivation: Anders als beim Schreiben kann man während des Telefonierens aufstehen, ein paar Schritte machen, sich strecken – und so gleich noch die fehlende Bewegung des ausbleibenden Arbeitsweges kompensieren. Also - let’s challenge!  

Kürzlich hatte ich die vermutlich einmalige Gelegenheit, das Medien-Ressort für die Radquer-Weltmeisterschaften in Dübendorf zu leiten. Wer mit Events und Medienarbeit vertraut ist, weiss, dass dieses Ressort immer etwas abgekoppelt vom Rest der Organisation funktioniert: Man bedient eine komplett eigene Zielgruppe, die grösste Arbeit beginnt erst, wenn der Event vorbei und der Rest des OKs mit dem Abbau beschäftigt ist und die meiste Zeit verbringt man nicht draussen auf dem Eventgelände, sondern in irgendeinem improvisierten Büro vor dem Computer. Das war auch bei diesem Gross-Event nicht anders. Wer nun aber denkt, das internationale Weltmeisterschafts-Ambiente sei deshalb nicht bis zu mir vorgedrungen, liegt falsch. Ich habe schon lange nicht mehr in so kurzer Zeit so viele verschiedene Sprachen gesprochen, gehört – und dann und wann natürlich auch durcheinandergebracht. Angefangen bei meinem Teamkameraden und Stellvertreter: Ein Landsmann aus dem französischsprachigen Teil des Wallis. Er spricht und versteht sehr gut Deutsch – ist allerdings froh, wenn man Hochdeutsch mit ihm redet, statt Mundart. Kein Problem, das machen wir natürlich! Schliesslich ist mein Hochdeutsch ungleich besser, als mein Französisch und ich war froh, konnte ich jeweils ihn zum Erklären oder Verhandeln schicken, wenn es mit französischsprachigen Journalisten oder Partnern etwas komplizierter wurde. Dass Englisch die Hauptsprache ist im Medienzentrum einer Weltmeisterschaft, in dem 200 internationale Journalisten ein- und ausgehen, dürfte selbstverständlich sein. Für viele von ihnen ist es aber nicht Muttersprache und nicht alle sind sattelfest in Wortschatz oder Aussprache. Das gleiche gilt für die Medaillengewinner, die jeweils gleich nach ihrem Rennen den Journalisten in einer Pressekonferenz Red und Antwort standen. Manche von ihnen sprechen fliessend Englisch – manche waren aber ausgesprochen froh um vereinfachte und klar ausgesprochene Wiederholungen der Journalistenfragen – quasi um die Übersetzung von Englisch auf Englisch meinerseits. Gebadet in ihren Emotionen fanden manche so oder so nur schwer Worte – und gerade bei den jungen Fahrern und Fahrerinnen der Kategorien Junioren und U23 waren einige froh, in ihrer Muttersprache sprechen zu können. Wie praktisch ist da beim Sieg der Französin wieder der Kollege aus der Romandie, der auch fliessend Englisch kann, oder die freiwillige Helferin mit niederländischen Wurzeln, die die Aussagen des jugendlichen Holländers und des belgischen Burschen mal eben schnell frei übersetzen kann. Bei der zweitplatzierten Ungarin, die erstens völlig überwältigt und zweitens keiner andere Sprache als Ungarisch mächtig ist, waren wir erst etwas ratlos. Die Hilfsbereitschaft unter internationalen Medienprofis ist aber zum Glück gross und so fanden wir schnell einen ungarischen Fotografen, der ein bisschen Englisch kann und uns half. Auch dem spanischen Journalisten, der an den englischsprachigen Pressekonferenzen kein Wort verstand, aber doch gerne über die holländische Siegerin mit lateinamerikanischen Wurzeln berichten wollte, konnten wir helfen – natürlich mit chaotischem Mix von spanischen und italienischen Brocken… A propos Italienisch: Die Akkreditierungsdienstleister im Medienzentrum kamen aus unserem südlichen Nachbarland. Sie sprechen zwar fliessend Englisch – dennoch waren Italienischkenntnisse äusserst hilfreich, wenn sie sich untereinander verständigten und man so noch klarer mitbekam, was ihre Herausforderungen waren. Die Online-Livestreams des Weltradsportverbandes UCI, über die wir jeweils das Renngeschehen mitverfolgten, um für die anschliessenden Pressekonferenzen vorbereitet zu sein, wurden in Englisch kommentiert. So kam es oft vor, dass mein welscher Kollege und ich während den Wettkämpfen auch plötzlich Englisch miteinander sprachen, da wir beide mithörten. Und weil ich wegen ihm so stark im Hochdeutsch drin war, wie schon lange nicht mehr, sprach ich auch mit der OK-Kollegin aus Deutschland plötzlich in Standardsprache, obwohl die seit Jahren in der Schweiz lebt und perfekt Mundart versteht. Dieses bunte Sprachwirrwarr tat der guten Stimmung im Pressezentrum aber überhaupt nichts ab – im Gegenteil! Wir verstanden einander alle irgendwie – und lebten die sportliche Fairness und internationale Kameradschaft einer Weltmeisterschaft in unserer eigenen kleinen Welt des Media Centres. Ein Hoch auf die Sprachvielfalt unserer Erde, die durch ihre Barrieren eben auch viel Solidarität schafft und so manchen spannenden Austausch mit hilfsbereiten Unterstützern ermöglicht, der sonst nie stattgefunden hätte. Dann zum Beispiel, wenn auch Journalisten keine Worte finden…

Mit Essen spielt man nicht! Ein Grundsatz, den Kinder normalerweise schon von klein auf lernen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass wir zumindest sprachlich doch mit Essen spielen – dann nämlich, wenn beispielsweise Früchte- oder Gemüsesorten plötzlich «Beine bekommen» und zu Personenbezeichnungen werden. Die Aufruhr war ziemlich gross, als Schauspielerin Gwyneth Paltrow ihre 2004 geborene Tochter auf den Namen «Apple» – Apfel – taufte. Äpfel seien so süss und gesund, daher passe das perfekt, argumentierte sie damals… Zugegeben, auch ich nenne meine Tochter hie und da mal «kleine Bohne», und dies, obwohl ich, wie vermutlich die meisten, beim besten Willen keine Parallelen zwischen diesem weit verbreiteten Kosenamen und der Erscheinung meines Babys sehe – und mir eigentlich vorab geschworen habe, ihn nie zu verwenden, haben wir der Kleinen doch einen viel schöneren Namen gegeben…
Nicht alle Vegannamen sind aber so positiv besetzt. Eine Gemüsesorte wurde zum Beispiel erst vor wenigen Jahren vor allem bei der jüngeren Altersklasse prominent: Der «Lauch», ein Begriff für einen dünnen, langen Kerl oder auch für einen eher ungeschickten oder wenig beliebten jungen Mann. Der Begriff stand 2018 in Deutschland sogar zur Wahl als Jugendwort des Jahres – wurde aber nur Vierter. Dabei ist das Phänomen gar nicht so neu, haben doch schon vorherige Generationen eine etwas dümmliche Frau «es Beeri» – eine Beere – genannt…
Als eine Bekannte von mir aber kürzlich in meinem Beisein von einem fremden Kind mit «hoi Bire» – hallo Birne – angesprochen wurde, war ich dennoch etwas perplex. Habe ich den neuesten Jugendtrend verpasst? Hat das Mädchen Beeren und Birnen verwechselt? Oder wollte es einfach frech sein? Ich weiss es nicht. Vielleicht hätten wir das Spiel einfach mitspielen und mit «hallo du hohle Nuss» oder «hoi dumme Zwetschge» antworten sollen… Wie auch immer, manch süsser Frucht und manch leckerer Gemüsesorte wird mit der negativen Bedeutung wohl zu viel Unrecht getan. Egal ob abschätzig gemeinte Nennung oder liebevoller Kosename – bevor wir das nächste Mal eine Person als Obst- oder Gemüsesorte bezeichnen, überlegen wir uns besser, ob wir den besagten Mitmenschen tatsächlich zum Fressen gern haben. Und falls nicht – besser nicht mit Essen spielen!

In den vergangenen Wochen habe ich mich komplett neuen Herausforderungen gestellt – unter anderem auch in Sachen Sprache. Verständigung war in diesem Umfeld anfänglich fast unmöglich. Und, anders, als wenn man am anderen Ende der Welt auf Reisen ist, halfen diesmal auch Dinge zeigen, Zeichnen und wildes Gestikulieren nichts. Warum? Ich versuchte, mit einem Neugeborenen zu kommunizieren! Und stellte fest, mein ganzes, umfängliches Knowhow über Kommunikation, zielgruppengerechte Formulierungen, Textaufbau, Anpassung an verschiedene Kanäle, Tonalitäten und Kernbotschaften war hier völlig für die Katz! Auch der dickste Dixionär und Google-Translator halfen nichts – und die Betriebsanleitung für das Baby hatte der Storch bei der Lieferung irgendwie vergessen... Die Kommunikation – sofern man das überhaupt so nennen kann – schien total eindimensional und meine kleine Tochter und ich «redeten» anfänglich fast ausschliesslich aneinander vorbei. Das grosse und nicht selten verzweifelte Rätselraten hatte begonnen… Für mich als durchaus sprachgewandte Person eine völlig neue Erfahrung, oft geprägt von akuter Hilflosigkeit.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich es zumindest in einigen Fällen schaffte, den anfänglich immer gleich klingenden Code «Weinen» differenzierter aufzuschlüsseln in «Jammern, weil Hunger», «Schreien, weil Bauchkrämpfe», «Reklamieren, weil Windel voll», «Heulen, weil müde» oder «Wimmern, weil Kuschelbedürfnis». Taxierte ich es anfangs als hoffnungslos, meine Tochter je zu verstehen, entwickelte ich mit der Zeit doch ein wenig Verständnis und irgendwann fand sogar eine gewisse Basiskommunikation statt. Im Gegenzug beruhigte sie sich meist, sobald sie merkte, dass ich sie richtig verstanden hatte.
Bei diesem Ratespiel sind wir mittlerweile gar auf dem nächsten Level angelangt. In der Zwischenzeit kann ich sogar meist «Jammern, weil Hunger» und «Krähen, weil sehr viel Hunger» unterscheiden, oder «Heulen, weil müde» und «Schreien, wie am Spiess, weil komplett übermüdet». Im Gegenzug schenkt mir mein Baby nun auch ein Lächeln, wenn es zufrieden ist, quietscht fidel oder schaut mich dankbar an, wenn es bekommt, was es will. Nach einigen Wochen findet also doch schon eine gewisse Interaktion statt, oder anders gesagt, eine sehr simple Zweiwegkommunikation. Oft genug stellt sie mich aber auch wieder vor neue Rätsel – und ich bin zurück auf Feld 1… Auch wenn wir uns in Sachen Verständigung langsam steigern, wird es noch sehr sehr lange dauern, bis ich mit meiner Tochter gleich sattelfest bin in der Kommunikation, wie ich es in meinem Job bin.
Übrigens – der Begriff «Mutterschaftsurlaub» war, zumindest in meinem Fall, äusserst irreführend. Mit Urlaub hatte das herzlich wenig zu tun. Bei aller Liebe zu meinem Kind wäre «Mutterschaftsdienst» doch sehr viel treffender! Für mich ist es jedenfalls einer der seltenen Fälle, wo ich froh bin, dass der «Urlaub» nun zu Ende ist – und ich zumindest Teilzeit wieder zurück in meine Berufswelt kann, wo ich gute Kommunikation wirklich beherrsche, weiss, dass ich verstanden werde und meine oft sorgfältig gewählten, treffenden Worte bei der Zielgruppe tatsächlich ankommen. Kurz – wo mein Knowhow zwar nach wie vor nicht fürs Baby, aber immerhin nicht für die Katz ist!

Gleichberechtigung von Männern und Frauen – ein Thema, dass sich seit vielen Jahren immer wieder in den Spitzenpositionen von medialen Diskussionen hält. Das ist ja auch gut so. Besonders interessant aus meiner Sicht ist, dass es dabei jeweils nicht nur um Lohn oder Führungspositionen geht, sondern auch immer wieder um Sprache. Politisch korrekt sollen möglichst überall und immer beide Geschlechter genannt werden: Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Besucherinnen und Besucher, Lehrerinnen und Lehrer. Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden – solange das Ganze trotzdem noch lesbar und vor allem sprachlich korrekt ist, sprich, es tatsächlich zweierlei Bezeichnungen für Männlein und Weiblein gibt.
Aus Textersicht – oder muss ich jetzt Texterinnensicht sagen? – ist es aber manchmal auch schwierig, unter Berücksichtigung dieser Ansprüche flüssig und gut lesbar zu schreiben. Einer meiner Kunden legte kürzlich für dessen Texte im Bereich Personalvermittlung sehr viel Wert darauf, dass stets beide Geschlechter genannt werden, da sie nicht nur Kandidaten vermitteln, sondern natürlich auch Kandidatinnen, und bei ihnen nicht nur Berater arbeiten, sondern selbstverständlich auch Beraterinnen. Wie aber sollten wir bei englischen Funktionsbezeichnungen vorgehen? Suchen sie nur Leader oder auch Leaderinnen? Besteht ihr Team aus Consultants oder etwa auch aus Consultinnen? Ich war froh, dass wir uns zumindest bei diesen Anglizismen auf eine – in Englisch ja für beide Geschlechter gültige – Bezeichnung beschränken konnten, sonst wären die Texte vor lauter Gleichberechtigung am Ende doch eher schwerfällig geworden… Und dann gibt es ja zum Glück noch geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie Führungspersonen oder Fachkräfte, die man auch nicht doppelt nennen muss. Dachte ich zumindest bis jetzt… Nun war ich aber kürzlich an der Jahresversammlung der Schweizer Segelfliegerinnen und was ich da hörte, war für mein Texterherz dann doch etwas viel: Es wurden die «Mitgliederinnen» begrüsst und auch in der Vereinsstatistik konstant als solche aufgeführt… Ist es nun Unwissenheit, übertriebenes Streben nach political Correctness oder gar Überheblichkeit, dass der auf Deutsch sächliche Begriff – das Mitglied – nun plötzlich feminisiert wird? Ging vergessen, dass «Mitglieder», wenn auch auf -er endend, ein ganz normaler deutscher Plural ist und weiterhin geschlechtsneutral bleibt? Fühlen sich Männer nicht diskriminiert, wenn Frauen plötzlich ein sächliches Nomen für ihre Diskussion um Gleichberechtigung missbrauchen? Vermutlich war es keine böse Absicht. Vermutlich wollten es die Verantwortlichen einfach nur besonders gut machen, in einem Gremium, dem nur Damen angehören. Sie sind ja auch keine Texterinnen – und vermutlich bin ich die einzige, die sich darüber geärgert hat. Vielleicht haben sich manche sogar explizit darüber gefreut? In diesem Fall müsste ich bei meinem Kunden vielleicht doch mal nachfragen, ob ich seine Texte noch mit Führungspersoninnen und Fachkräftinnen ergänzen sollte… Denn offenbar macht man – ‘tschuldigung, «frau» – das heute so…

Jede Kletterroute hat einen Namen. So will es eine alte Tradition. Draussen benennt normalerweise der Erstbegeher eine Route, in den Kletterhallen sind es die Erbauer, die ihren Routen Namen geben. Angesichts der Fülle von Kletterrouten, die es nur schon im Alpenraum gibt, liegt es nahe, dass auch deren Namen eine grosse Bandbreite haben. Dabei sind gewisse Namen durchaus kategorisier- und vor allem nachvollziehbar – andere ganz und gar nicht…
Ganz naheliegend gibt es haufenweise Routen mit geographischen Lage-Bezeichnungen, wie «Ostgrat», «Südturm» oder «Westwändli», wahlweise ergänzt mit dem Namen des entsprechenden Gipfels – etwa «Schafbergkante». Sie lassen kaum Fragen offen. Dann gibt es zahlreiche, selbsterklärende Geländebeschreibungen: Die «Quarzader» entlang entsprechendem Gestein, der «Wasserrillenweg» oder die «Kleine Verschneidung». Solche Namen sind zugegeben nicht besonders kreativ, aber durchaus hilfreich, um den Routeneinstieg oder ihren Verlauf zu finden. Weiter gibt es eine ganze Palette von Namen, die zwar weder auf Lage noch Gelände schliessen lassen, umso mehr aber auf Bedingungen oder Geschehnisse am Begehungstag: Die Route «Herbstsonne» war vermutlich keine schattige Sommertour, der «Sonntagsweg» wurde wohl nicht mittwochs bezwungen und bei «Tante Ju» dürfte die motorisierte, alte Dame wohl gerade vorbeigeflogen sein. Weiter lassen Routennamen wie «Im Zeichen der Freundschaft» zwar durchaus auf Gefühlslagen am Tag X schliessen – mit dem Erfinden oder Ausschmücken von Geschichten, die tatsächlich zum Namen geführt haben, lassen sich aber auch stundenlange Zu- oder Abstiege füllen… Dieses Spiel funktioniert durchaus auch bei Routen mit Personennamen: Ist «Via Ursi» der Frau, der Geliebten, der Schwester oder einfach nur der Kletterpartnerin gewidmet? War «Meister Franz» schlicht ein guter Kletterer, ein siegreicher Sportler oder gar ein Lehrer aus der Jugendzeit? Und wie lange schwirrte «Romys Traum» ihr schon im Kopf herum? Übrigens erhalten schöne Linien oft auch pathetische Namen, wie etwa Sagittarius, Hannibal oder gar King Way.
Zumindest bei längeren Routen sind die Namen also oft einigermassen nachvollziehbar und wohl meist auch bewusst gewählt. Eigentlich keine Überraschung, da kaum jemand mehrere Mehrseillängenrouten am gleichen Tag oder innert einer Woche erstbegeht. Oft sind es pro Person nur einige wenige oder gar eine einzige Route im Leben. Entsprechend überlegt sind ihre Namen.
Etwas anders sieht es häufig in Klettergärten aus, wo zahlreiche, meist einzelne Seillängen nebeneinander eingebohrt sind. Wer einen Klettergarten einrichtet und innert kurzer Zeit 20 oder 30 Routennamen vergeben muss, macht sich über den einzelnen nicht mehr gleich viele Gedanken, wie der «Once-in-a-Lifetime»-Erstbegeher. Entsprechend pragmatische Namen findet man denn auch – beispielsweise «Hautentsorger», «Rauhfinger», «Zickzack» oder «Psychotest». Auch hier gibt es aber oft Routennamen, deren Herkunft man gerne genauer kennen würde – und wo der Zustieg oft nicht mehr ausreicht, sich eine entsprechende Geschichte dazu auszumalen. Was steckt beispielsweise hinter «Murmelbier», «Chasperlitheater» oder «Römerschreck»? War beim «Hippigschpängst» der Soundtrack ausschlaggebend, hat der Erstbegeher tatsächlich Geister gesehen oder mangels Ideen schlicht in seiner Musiksammlung nach Namen gesucht? Und wie bitte ist es zu «Globi der Sportfischer» gekommen, wo es noch nicht mal ein Globibuch mit diesem Titel gibt? Manchmal möchte man die Geschichte hinter den Namen aber auch gar nicht unbedingt kennen – beispielsweise, wenn die Routen «Lustmolch», «Fidläblutt» oder «Lustgarten» heissen… Stellt sich die Frage, ob Kletterer manchmal vielleicht doch etwas zu viel Zeit einsam am Fels verbringen, dann zum Beispiel, wenn ihre Fantasien in Routennamen wie «La baigneuse aux seins nus» gipfeln – die Badende mit den nackten Brüsten – notabene an einem Felsriegel mitten im Wald, wo weit und breit kein See, Fluss oder Bach zu sehen ist…
Etwas fantasieloser geht es meist in Kletterhallen zu und her, wo Routen und damit auch ihre Namen gewissermassen zu Massenware werden. Wenn ein Routenbauer an einem Tag drei, vier oder fünf Namen vergeben muss, sind diese oft wenig kreativ. Nebeneinanderliegende Routen heissen dann etwa «Tick», «Trick» und «Track», «Erdbeer», «Himbeer» und «Heidelbeer» oder auch nur «Alpha», «Beta» und «Gamma»… Letztlich vergeben aber auch Hallen-Routenbauer Namen oft einfach ganz menschlich im Zusammenhang mit Dingen, die sie gerade beschäftigen. Ein Routenbauerkollege hat mir erst kürzlich seinen zwei Monate alten Sohn Max vorgestellt. Der Name seiner neuesten Route heisst schlicht und einfach: «Max ist da!»