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Mit Essen spielt man nicht! Ein Grundsatz, den Kinder normalerweise schon von klein auf lernen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass wir zumindest sprachlich doch mit Essen spielen – dann nämlich, wenn beispielsweise Früchte- oder Gemüsesorten plötzlich «Beine bekommen» und zu Personenbezeichnungen werden. Die Aufruhr war ziemlich gross, als Schauspielerin Gwyneth Paltrow ihre 2004 geborene Tochter auf den Namen «Apple» – Apfel – taufte. Äpfel seien so süss und gesund, daher passe das perfekt, argumentierte sie damals… Zugegeben, auch ich nenne meine Tochter hie und da mal «kleine Bohne», und dies, obwohl ich, wie vermutlich die meisten, beim besten Willen keine Parallelen zwischen diesem weit verbreiteten Kosenamen und der Erscheinung meines Babys sehe – und mir eigentlich vorab geschworen habe, ihn nie zu verwenden, haben wir der Kleinen doch einen viel schöneren Namen gegeben…
Nicht alle Vegannamen sind aber so positiv besetzt. Eine Gemüsesorte wurde zum Beispiel erst vor wenigen Jahren vor allem bei der jüngeren Altersklasse prominent: Der «Lauch», ein Begriff für einen dünnen, langen Kerl oder auch für einen eher ungeschickten oder wenig beliebten jungen Mann. Der Begriff stand 2018 in Deutschland sogar zur Wahl als Jugendwort des Jahres – wurde aber nur Vierter. Dabei ist das Phänomen gar nicht so neu, haben doch schon vorherige Generationen eine etwas dümmliche Frau «es Beeri» – eine Beere – genannt…
Als eine Bekannte von mir aber kürzlich in meinem Beisein von einem fremden Kind mit «hoi Bire» – hallo Birne – angesprochen wurde, war ich dennoch etwas perplex. Habe ich den neuesten Jugendtrend verpasst? Hat das Mädchen Beeren und Birnen verwechselt? Oder wollte es einfach frech sein? Ich weiss es nicht. Vielleicht hätten wir das Spiel einfach mitspielen und mit «hallo du hohle Nuss» oder «hoi dumme Zwetschge» antworten sollen… Wie auch immer, manch süsser Frucht und manch leckerer Gemüsesorte wird mit der negativen Bedeutung wohl zu viel Unrecht getan. Egal ob abschätzig gemeinte Nennung oder liebevoller Kosename – bevor wir das nächste Mal eine Person als Obst- oder Gemüsesorte bezeichnen, überlegen wir uns besser, ob wir den besagten Mitmenschen tatsächlich zum Fressen gern haben. Und falls nicht – besser nicht mit Essen spielen!

In den vergangenen Wochen habe ich mich komplett neuen Herausforderungen gestellt – unter anderem auch in Sachen Sprache. Verständigung war in diesem Umfeld anfänglich fast unmöglich. Und, anders, als wenn man am anderen Ende der Welt auf Reisen ist, halfen diesmal auch Dinge zeigen, Zeichnen und wildes Gestikulieren nichts. Warum? Ich versuchte, mit einem Neugeborenen zu kommunizieren! Und stellte fest, mein ganzes, umfängliches Knowhow über Kommunikation, zielgruppengerechte Formulierungen, Textaufbau, Anpassung an verschiedene Kanäle, Tonalitäten und Kernbotschaften war hier völlig für die Katz! Auch der dickste Dixionär und Google-Translator halfen nichts – und die Betriebsanleitung für das Baby hatte der Storch bei der Lieferung irgendwie vergessen... Die Kommunikation – sofern man das überhaupt so nennen kann – schien total eindimensional und meine kleine Tochter und ich «redeten» anfänglich fast ausschliesslich aneinander vorbei. Das grosse und nicht selten verzweifelte Rätselraten hatte begonnen… Für mich als durchaus sprachgewandte Person eine völlig neue Erfahrung, oft geprägt von akuter Hilflosigkeit.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich es zumindest in einigen Fällen schaffte, den anfänglich immer gleich klingenden Code «Weinen» differenzierter aufzuschlüsseln in «Jammern, weil Hunger», «Schreien, weil Bauchkrämpfe», «Reklamieren, weil Windel voll», «Heulen, weil müde» oder «Wimmern, weil Kuschelbedürfnis». Taxierte ich es anfangs als hoffnungslos, meine Tochter je zu verstehen, entwickelte ich mit der Zeit doch ein wenig Verständnis und irgendwann fand sogar eine gewisse Basiskommunikation statt. Im Gegenzug beruhigte sie sich meist, sobald sie merkte, dass ich sie richtig verstanden hatte.
Bei diesem Ratespiel sind wir mittlerweile gar auf dem nächsten Level angelangt. In der Zwischenzeit kann ich sogar meist «Jammern, weil Hunger» und «Krähen, weil sehr viel Hunger» unterscheiden, oder «Heulen, weil müde» und «Schreien, wie am Spiess, weil komplett übermüdet». Im Gegenzug schenkt mir mein Baby nun auch ein Lächeln, wenn es zufrieden ist, quietscht fidel oder schaut mich dankbar an, wenn es bekommt, was es will. Nach einigen Wochen findet also doch schon eine gewisse Interaktion statt, oder anders gesagt, eine sehr simple Zweiwegkommunikation. Oft genug stellt sie mich aber auch wieder vor neue Rätsel – und ich bin zurück auf Feld 1… Auch wenn wir uns in Sachen Verständigung langsam steigern, wird es noch sehr sehr lange dauern, bis ich mit meiner Tochter gleich sattelfest bin in der Kommunikation, wie ich es in meinem Job bin.
Übrigens – der Begriff «Mutterschaftsurlaub» war, zumindest in meinem Fall, äusserst irreführend. Mit Urlaub hatte das herzlich wenig zu tun. Bei aller Liebe zu meinem Kind wäre «Mutterschaftsdienst» doch sehr viel treffender! Für mich ist es jedenfalls einer der seltenen Fälle, wo ich froh bin, dass der «Urlaub» nun zu Ende ist – und ich zumindest Teilzeit wieder zurück in meine Berufswelt kann, wo ich gute Kommunikation wirklich beherrsche, weiss, dass ich verstanden werde und meine oft sorgfältig gewählten, treffenden Worte bei der Zielgruppe tatsächlich ankommen. Kurz – wo mein Knowhow zwar nach wie vor nicht fürs Baby, aber immerhin nicht für die Katz ist!

Gleichberechtigung von Männern und Frauen – ein Thema, dass sich seit vielen Jahren immer wieder in den Spitzenpositionen von medialen Diskussionen hält. Das ist ja auch gut so. Besonders interessant aus meiner Sicht ist, dass es dabei jeweils nicht nur um Lohn oder Führungspositionen geht, sondern auch immer wieder um Sprache. Politisch korrekt sollen möglichst überall und immer beide Geschlechter genannt werden: Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Besucherinnen und Besucher, Lehrerinnen und Lehrer. Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden – solange das Ganze trotzdem noch lesbar und vor allem sprachlich korrekt ist, sprich, es tatsächlich zweierlei Bezeichnungen für Männlein und Weiblein gibt.
Aus Textersicht – oder muss ich jetzt Texterinnensicht sagen? – ist es aber manchmal auch schwierig, unter Berücksichtigung dieser Ansprüche flüssig und gut lesbar zu schreiben. Einer meiner Kunden legte kürzlich für dessen Texte im Bereich Personalvermittlung sehr viel Wert darauf, dass stets beide Geschlechter genannt werden, da sie nicht nur Kandidaten vermitteln, sondern natürlich auch Kandidatinnen, und bei ihnen nicht nur Berater arbeiten, sondern selbstverständlich auch Beraterinnen. Wie aber sollten wir bei englischen Funktionsbezeichnungen vorgehen? Suchen sie nur Leader oder auch Leaderinnen? Besteht ihr Team aus Consultants oder etwa auch aus Consultinnen? Ich war froh, dass wir uns zumindest bei diesen Anglizismen auf eine – in Englisch ja für beide Geschlechter gültige – Bezeichnung beschränken konnten, sonst wären die Texte vor lauter Gleichberechtigung am Ende doch eher schwerfällig geworden… Und dann gibt es ja zum Glück noch geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie Führungspersonen oder Fachkräfte, die man auch nicht doppelt nennen muss. Dachte ich zumindest bis jetzt… Nun war ich aber kürzlich an der Jahresversammlung der Schweizer Segelfliegerinnen und was ich da hörte, war für mein Texterherz dann doch etwas viel: Es wurden die «Mitgliederinnen» begrüsst und auch in der Vereinsstatistik konstant als solche aufgeführt… Ist es nun Unwissenheit, übertriebenes Streben nach political Correctness oder gar Überheblichkeit, dass der auf Deutsch sächliche Begriff – das Mitglied – nun plötzlich feminisiert wird? Ging vergessen, dass «Mitglieder», wenn auch auf -er endend, ein ganz normaler deutscher Plural ist und weiterhin geschlechtsneutral bleibt? Fühlen sich Männer nicht diskriminiert, wenn Frauen plötzlich ein sächliches Nomen für ihre Diskussion um Gleichberechtigung missbrauchen? Vermutlich war es keine böse Absicht. Vermutlich wollten es die Verantwortlichen einfach nur besonders gut machen, in einem Gremium, dem nur Damen angehören. Sie sind ja auch keine Texterinnen – und vermutlich bin ich die einzige, die sich darüber geärgert hat. Vielleicht haben sich manche sogar explizit darüber gefreut? In diesem Fall müsste ich bei meinem Kunden vielleicht doch mal nachfragen, ob ich seine Texte noch mit Führungspersoninnen und Fachkräftinnen ergänzen sollte… Denn offenbar macht man – ‘tschuldigung, «frau» – das heute so…

Jede Kletterroute hat einen Namen. So will es eine alte Tradition. Draussen benennt normalerweise der Erstbegeher eine Route, in den Kletterhallen sind es die Erbauer, die ihren Routen Namen geben. Angesichts der Fülle von Kletterrouten, die es nur schon im Alpenraum gibt, liegt es nahe, dass auch deren Namen eine grosse Bandbreite haben. Dabei sind gewisse Namen durchaus kategorisier- und vor allem nachvollziehbar – andere ganz und gar nicht…
Ganz naheliegend gibt es haufenweise Routen mit geographischen Lage-Bezeichnungen, wie «Ostgrat», «Südturm» oder «Westwändli», wahlweise ergänzt mit dem Namen des entsprechenden Gipfels – etwa «Schafbergkante». Sie lassen kaum Fragen offen. Dann gibt es zahlreiche, selbsterklärende Geländebeschreibungen: Die «Quarzader» entlang entsprechendem Gestein, der «Wasserrillenweg» oder die «Kleine Verschneidung». Solche Namen sind zugegeben nicht besonders kreativ, aber durchaus hilfreich, um den Routeneinstieg oder ihren Verlauf zu finden. Weiter gibt es eine ganze Palette von Namen, die zwar weder auf Lage noch Gelände schliessen lassen, umso mehr aber auf Bedingungen oder Geschehnisse am Begehungstag: Die Route «Herbstsonne» war vermutlich keine schattige Sommertour, der «Sonntagsweg» wurde wohl nicht mittwochs bezwungen und bei «Tante Ju» dürfte die motorisierte, alte Dame wohl gerade vorbeigeflogen sein. Weiter lassen Routennamen wie «Im Zeichen der Freundschaft» zwar durchaus auf Gefühlslagen am Tag X schliessen – mit dem Erfinden oder Ausschmücken von Geschichten, die tatsächlich zum Namen geführt haben, lassen sich aber auch stundenlange Zu- oder Abstiege füllen… Dieses Spiel funktioniert durchaus auch bei Routen mit Personennamen: Ist «Via Ursi» der Frau, der Geliebten, der Schwester oder einfach nur der Kletterpartnerin gewidmet? War «Meister Franz» schlicht ein guter Kletterer, ein siegreicher Sportler oder gar ein Lehrer aus der Jugendzeit? Und wie lange schwirrte «Romys Traum» ihr schon im Kopf herum? Übrigens erhalten schöne Linien oft auch pathetische Namen, wie etwa Sagittarius, Hannibal oder gar King Way.
Zumindest bei längeren Routen sind die Namen also oft einigermassen nachvollziehbar und wohl meist auch bewusst gewählt. Eigentlich keine Überraschung, da kaum jemand mehrere Mehrseillängenrouten am gleichen Tag oder innert einer Woche erstbegeht. Oft sind es pro Person nur einige wenige oder gar eine einzige Route im Leben. Entsprechend überlegt sind ihre Namen.
Etwas anders sieht es häufig in Klettergärten aus, wo zahlreiche, meist einzelne Seillängen nebeneinander eingebohrt sind. Wer einen Klettergarten einrichtet und innert kurzer Zeit 20 oder 30 Routennamen vergeben muss, macht sich über den einzelnen nicht mehr gleich viele Gedanken, wie der «Once-in-a-Lifetime»-Erstbegeher. Entsprechend pragmatische Namen findet man denn auch – beispielsweise «Hautentsorger», «Rauhfinger», «Zickzack» oder «Psychotest». Auch hier gibt es aber oft Routennamen, deren Herkunft man gerne genauer kennen würde – und wo der Zustieg oft nicht mehr ausreicht, sich eine entsprechende Geschichte dazu auszumalen. Was steckt beispielsweise hinter «Murmelbier», «Chasperlitheater» oder «Römerschreck»? War beim «Hippigschpängst» der Soundtrack ausschlaggebend, hat der Erstbegeher tatsächlich Geister gesehen oder mangels Ideen schlicht in seiner Musiksammlung nach Namen gesucht? Und wie bitte ist es zu «Globi der Sportfischer» gekommen, wo es noch nicht mal ein Globibuch mit diesem Titel gibt? Manchmal möchte man die Geschichte hinter den Namen aber auch gar nicht unbedingt kennen – beispielsweise, wenn die Routen «Lustmolch», «Fidläblutt» oder «Lustgarten» heissen… Stellt sich die Frage, ob Kletterer manchmal vielleicht doch etwas zu viel Zeit einsam am Fels verbringen, dann zum Beispiel, wenn ihre Fantasien in Routennamen wie «La baigneuse aux seins nus» gipfeln – die Badende mit den nackten Brüsten – notabene an einem Felsriegel mitten im Wald, wo weit und breit kein See, Fluss oder Bach zu sehen ist…
Etwas fantasieloser geht es meist in Kletterhallen zu und her, wo Routen und damit auch ihre Namen gewissermassen zu Massenware werden. Wenn ein Routenbauer an einem Tag drei, vier oder fünf Namen vergeben muss, sind diese oft wenig kreativ. Nebeneinanderliegende Routen heissen dann etwa «Tick», «Trick» und «Track», «Erdbeer», «Himbeer» und «Heidelbeer» oder auch nur «Alpha», «Beta» und «Gamma»… Letztlich vergeben aber auch Hallen-Routenbauer Namen oft einfach ganz menschlich im Zusammenhang mit Dingen, die sie gerade beschäftigen. Ein Routenbauerkollege hat mir erst kürzlich seinen zwei Monate alten Sohn Max vorgestellt. Der Name seiner neuesten Route heisst schlicht und einfach: «Max ist da!»

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Kennen Sie sie auch? Diese Missverständnisse in Beruf und Alltag, die Sie sich einfach nicht erklären können… Fast jeden Tag erleben wir doch ein «Aber ich hab gedacht, du meinst…» oder «Hab ich doch!» – «Nein, hast du nicht!». Der Partner hat den Ton mal wieder falsch verstanden, der Chef hat offensichtlich nicht zugehört oder Mutter hat wieder völlig fehlinterpretiert… Und das, obwohl man es doch gesagt hat! Schliesslich soll man ja kommunizieren! Wie kann das nur ständig passieren?
Dass Kommunikation viele verschiedene Ausprägungen hat und beim Empfänger nicht immer das ankommt, was der Sender sagen will, haben schon zahlreiche Kommunikationsmodelle detailliert untersucht, mehrfach bestätigt und theoretisch dargelegt. Doch auch wer diese Theorien kennt, findet sich immer mal wieder in der Missverständnisfalle.
Diesen Sommer habe ich einen wirklich erfrischenden Gegenpol dazu bewusst wiedererfahren. Nach längerer Fliegerpause verbrachte ich zwei Wochen in einem Segelfluglager auf einem Flugplatz mit Jet-Verkehr in den Schweizer Bergen. Und da war er: Der Flugfunk! Kurz, klar, präzise – einfach unmissverständlich! Die extra definierte, stark vereinfachte Sprache in der Fliegerei ist echtes Kommunikations-Wellness im Missverständnis-Stress des Alltags! Extra kreiert für die Sicherheit im Flugverkehr schliesst sie dank diverser Massnahmen Missverständnisse fast komplett aus. Die kurzen, standardisierten Phrasen und Kommandos über Positionen, Absichten oder Anweisungen müssen in den meisten Fällen vom aufgerufenen Gesprächspartner als sogenanntes Readback wiederholt werden, zur Bestätigung, dass alles richtig verstanden wurde. Ist das nicht der Fall, wird nachgefragt oder nochmals repetiert. Gibt jemand irrtümlich eine falsche Information durch, korrigiert er sich mit der Ankündigung «Correction» gleich selbst, ohne dass weitere Rechtfertigung nötig ist. Zudem sind Standardbegriffe so gewählt, dass sie akustisch einzigartig und unverwechselbar sind. Will ein Pilot etwa eine Kontrollzone um einen Flugplatz kreuzen, klingt das am Funk zum Beispiel so: «Sion Tower from HB-DGP, Position Anzère, 7100 feet, request to cross CTR direct to Hérémence, climbing to 7300 feet». Die Antwort vom Controller könnte beispielsweise folgende sein: «HB-DGP, Sion Tower, cleared to cross CTR direct Hérémence, maximum 7000 feet, report crossing completed.» Der Pilot muss im Readback die Angaben inklusive der verlangten Änderung der Flughöhe bestätigen: «Cross CTR direct Hérémence, maximum 7000 feet, Wilco, HB-DGP». Der Pilot hat so eine klare Anweisung, der Controller die Bestätigung, dass der Pilot ihn richtig verstanden hat.
Obwohl ich als Texterin die Vielfalt der Sprache ja wirklich überaus liebe – in manchen heiklen Situationen des Alltags wäre es doch sehr von Vorteil, man könnte auch hier die puristische Sprache des Flugfunks anwenden, um Missverständnisse zu vermeiden – inklusive Readback des Gegenübers. Wie wäre es zum Beispiel, wenn sie zu ihm sagen würde: «Schatz from Mäuschen, request flowers and dinner out for wedding anniversary on Tuesday!» Und er dann: «Mäuschen from Schatz, affirm, flowers and dinner out for wedding anniversary on Tuesday” – denn er weiss nun unmissverständlich, was von ihm erwartet wird. Unterhaltungen und Enttäuschungen wie: «Schatz, was machen wir denn am Dienstag…?» «Was wohl, wir fahren zur Arbeit…», wären damit Vergangenheit. Denn sehr oft wird nicht zu wenig kommuniziert. Nur zu wenig klar…

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Unter anderem leite ich in meiner Freizeit Klettertouren beim SAC. So auch kürzlich an einem Sommerwochenende. Ich hatte die erste reine Damentour unserer Sektion ausgeschrieben und reiste mit sieben Gesellinnen in die Berge. Dies nicht ganz uneigennützig, hoffte ich doch eigentlich, Stoff für meinen Sprachblüten-Blog zu bekommen, wenn Kletterladies mal ganz unter sich sind. Die Ausbeute war leider eher enttäuschend. Die Stimmung war zwar wohlwollend und motivierend, und dass Frauen, wenn sie unter sich sind, bei solchen Dingen oftmals ein grösseres Selbstvertrauen entwickeln und mehr ausprobieren, als wenn die Luft allzu testosterongeschwängert ist, ist auch nichts Neues. Mit Sprache hat das aber nur wenig zu tun… Ansonsten klang es eigentlich, wie sonst: Die Kletterkommandos bleiben die gleichen, die Motivationsrufe auch – und auch Frauen fluchen manchmal unter der Gürtellinie, wenn es gerade nicht wie gewünscht läuft…
Viel interessanter war ein anderes, altbekanntes, allerdings geschlechterunabhängiges Phänomen, das bestimmt jeder schon mal bei sich beobachtet hat. In unserer Gruppe war eine Engländerin mit dabei, die zwar ganz gut Hochdeutsch spricht und versteht – mit Mundart aber noch so ihre liebe Mühe hat… «Da könnt ihr auch gleich Chinesisch sprechen», beschreibt sie ihren Verständnisgrad selbst. So bemühen wir uns natürlich alle, das ganze Wochenende Hochdeutsch zu sprechen – und mühen uns schlicht damit ab! Obwohl wir Hochdeutsch ja eigentlich wirklich beherrschen sollten, fallen wir in der Gruppe alle automatisch immer wieder in Mundart zurück und reden, wie uns eben der Schnabel gewachsen ist. Gerade in Momenten, in denen wir uns in der Kletterwand an der Grenze unserer Komfortzone befinden, fällt es umso schwerer, noch die Fremdsprache zu sprechen, die ja eigentlich gar keine sein sollte und dennoch eine ist. Entsprechend hört man von besagter Britin aber auch immer mal wieder englische Rufe aus der Felswand…
Trotz aller Mühe bestätigt sich erneut das eigentlich längst bekannte Fazit: Wer als Fremdsprachiger langfristig in der Schweiz integriert sein will, kommt wohl nicht umhin, unseren kreuzkomischen Dialekt zumindest verstehen zu lernen. So starteten wir also gleich die Mission Mundart und erklärten unserer Kameradin von der Insel ab sofort die Unterschiede zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch, überlegten uns, ob es vom ach so schweizerischen Verbzusatz «go» wenigstens eine ähnliche Regel im Englischen gibt, studierten Fallabweichungen und suchten – wie immer in solchen Situationen – nach besonders anders klingenden Dialektwörtern. Dabei ging es weniger um Zungenbrecher wie «Chuchichästli», sondern eher um nützliche Dinge wie «ich ga go poste», «ich lüt dr a», «in Wald go brätle» oder «gömer go Glacé schläcke!». Die Britin übte fleissig, wir lachten viel und bestimmt war sie froh, nicht nur darüber zu reden, sondern den Knoten in der Zunge zwischendurch auch mit einem leckeren Glacé zu kühlen. Ob sie ihren Mann, seines Zeichens Schweizer, dann bei ihrer Ankunft zu Hause tatsächlich mit dem viel geprobten «du machsch mi giiggerig!» begrüsst hat, entzieht sich jedoch leider unserer Kenntnis… Und ja – auch in einer reinen Frauengruppe kommen solche Themen! Eben ganz wie sonst…

Foto: Emilio Garcia, Unsplash

Neben meinem Hauptberuf als Texterin arbeite ich zusätzlich noch in einer Kletterhalle als Kurs- und Eventleiterin. Des Öfteren darf ich in diesem Rahmen auch Kinder instruieren und unterhalten, zum Beispiel, wenn sie ihren Geburtstag mit einem Schnupperklettern in unserer Anlage feiern. Dies ist einerseits klettertechnisch, mitunter manchmal aber auch aus sprachlicher Sicht sehr erheiternd – nicht nur, weil unter den Teilnehmern öfters Kids von Expats sind, die sich miteinander ganz selbstverständlich in einem bunten Wirrwarr von Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Englisch und weiteren Sprachen unterhalten. Nein, auch darum, weil ich dadurch zum einen Sprachtrends und zum anderen auch aktuelle Themen dieser Sprösslinge hautnah mitbekomme. Dass Kinder in Zeiten von Internet und ungefilterter Informationsflut nicht immer nur über altersgerechte Themen reden, ist grundsätzlich ja nichts Neues – vor allem, wenn sie unter sich sind. Oft ist das einfach sehr amüsant und unterhaltsam. Kürzlich habe ich mir an einem dieser Kletterkindergeburtstage die Ohren aber doch ganz schön verdreht: Eine 9-jährige erklärte ihren Gefährtinnen beim Warten vor der Kletterroute mit grösster Selbstverständlichkeit, was denn eine Bordsteinschwalbe sei. Und präzisierte auf Nachfrage einer Kollegin, dass es dabei wirklich nicht um Vögel gehe, sehr wohl aber ums Vögeln! Ich gebe zu, ich war ein wenig irritiert und perplex zugleich und wusste nicht recht, ob ich nun darauf reagieren oder die Angelegenheit einfach überhören sollte… Da das kletternde Mädchen an meinem Seil einen Augenblick später laut rief, es sei nun schon ganz hoch oben und wolle nun wieder nach unten, war die Ablenkung gegeben und die Situation vorerst gerettet…
Das Erlebnis liess mich aber nicht ganz los und so erzählte ich in den nächsten Tagen mehreren Freunden und Bekannten diese irgendwie witzige und doch leicht befremdliche Anekdote. Und stellte fest: Manche von ihnen sollten auch mal eine Warteschlangenlektion bei der 9-jährigen geniessen – wussten viele von ihnen nämlich auch nicht, worum es sich bei einer Bordsteinschwalbe handelt… Oder sie taten zumindest so! Die amüsanteste Reaktion: «Bitte was? Eine Bordschweinschwalbe?!?» Nun, stellt man sich darunter eine Kreuzung zwischen Bordsteinschwalbe und Schwein vor, ist das in manchen Fällen ja vielleicht auch nicht ganz falsch… Dennoch war ich überrascht, wie viele erwachsene Leute diesen, zugegeben zwar schon sehr deutschen und wenig schweizerischen Ausdruck nicht kannten. Nun, so lassen wir am besten offen, ob eine Bordsteinschwalbe nun eher ein Zugvogel ist, der in unseren Gefilden zur warmen Jahreszeit besonders aktiv wird, oder ihr Name viel mehr schlicht die Fantasie mancher Zuhörer beflügelt… Diejenigen, die es genauer wissen wollen, kann ich gerne mit der 9-jährigen aus der Kletterhalle bekannt machen!

Eigentlich kann ich ziemlich gut Englisch und ich mag die Sprache auch sehr. Zumindest da, wo sie hingehört. Weshalb aber immer mehr Begriffe aus dem Englischen in die deutsche Sprache übernommen werden, obwohl es auf Deutsch entsprechende Pendants gibt, kann ich nicht ganz verstehen. Klar, Begriffe wie Computer, Event oder cool haben sich längst völlig etabliert – und zugegeben sind ein Snowboard und ein Schneebrett ja nun wirklich nicht dasselbe. Ausserdem mögen Anglizismen in manchen internationalen Business- ähm, Entschuldigung, Geschäftsbereichen, ja ihre Berechtigung haben und werden da auch verstanden. Kurios wird es aber, wenn Metaphern oder ganze Redewendungen wörtlich aus dem Englischen übersetzt werden. So höre ich bei uns immer öfter, dass Tramstationen nur «einen Steinwurf» entfernt – a stone’s throw away – sind, statt wie früher «einen Katzensprung». Dafür regnet es ganz oft «Katzen und Hunde» – vom Englischen «it’s raining cats and dogs» – statt dass es «in Strömen» oder «wie aus Kübeln» giesst. Ich warte also nur darauf, zukünftig am Bein gezogen – to pull someone’s leg – statt wie bisher «auf den Arm genommen» zu werden, wenn mich jemand necken will.
Nun ja, so lange wir statt «full of beans» auf Deutsch weiterhin «voller Tatendrang» sind und nicht «voller Bohnen», was eher dumm wie Bohnenstroh klingt, kann ich damit leben. Ebenso kaufe ich, um nochmals zu den Tieren zurückzukehren, in unseren Gefilden auch in Zukunft lieber mal die «Katze im Sack», statt – auf Englisch «a pig in the poke» – ein Schwein im Beutel, was definitiv die grössere Last wäre. Sollte sich der Kauf dann doch als glücklich erweisen, habe ich auf gut Deutsch eben lieber einfach «Schwein gehabt»!

Ich liebe es, in die Berge zu gehen – sei es zum Klettern, für Ski- oder Hochtouren, mit dem Mountainbike oder auch einfach mal zum Wandern. Denn Berge bieten einem so viele intensive Erlebnisse und bescheren einem so manch unvergessliches Abenteuer! Manchmal beginnt dieses allerdings schon, bevor man überhaupt draussen ist, sondern noch zu Hause bei der Tourenplanung sitzt – zumindest in sprachlicher Hinsicht... Als wir kurz vor Silvester mögliche Tourenziele ab der Maighelshütte besprachen, in der wir ein paar Tage verbringen wollten, fielen als Vorschläge unter anderem der Badus oder auch der Six Madun. Beides Gipfel, auf die eine nicht allzu lange Skitour ab der Hütte führt, mit kurzem Fussaufstieg zum Schluss. Wir hatten also bereits zwei Touren mit durchaus attraktivem Verhältnis von Aufwand und Ertrag – bei den prognostizierten mässigen Wetterverhältnissen mit eingeschränkten Möglichkeiten doch keine schlechten Aussichten. Es dauerte eine ganze Weile und wir waren schon fast bei der Detailplanung der Tour, bis wir feststellten, dass wir alle von ein und demselben Gipfel redeten! Nur nannten die einen seinen deutschen und eher bekannteren Namen Badus, während die anderen den romanischen Namen Six Madun benutzten, der leicht verschoben ebenfalls auf der Karte steht… Tja, wohl also der sprichwörtliche Gipfel der Verwirrung!
Eindeutiger war es da schon an einem anderen Skitourenwochenende in der Region Disentis. Tourenvorschlag war der Piz Ault bei Platta im Val Medel – auf der Karte mit keinem anderssprachigen Namen bezeichnet und damit als Gipfel klar identifizierbar. Wir gingen also an die Detailplanung, schauten Route, Steilheiten und Geländeformen an. Aber warum nur redeten die einen konstant von Nord- und Osthängen, während die anderen ständig West-Exposition nannten? Hatte es da mal wieder Leute drunter, die die Himmelsrichtungen durcheinanderbringen und stattdessen lieber von «auf der Karte links oder rechts» sprechen? Doch auch das führte nicht zum Ziel – die Aussagen blieben unterschiedlich. Des Rätsels Lösung: Im Val Medel gibt es tatsächlich zwei Piz Ault – einer rund drei Kilometer westlich von Platta, mit 2455 Metern, einer knapp zwei Kilometer östlich von Platta, mit 2471 Metern. Nur gerade gute vier Kilometer voneinander entfernt heissen zwei verschiedene Berge also genau gleich und sind auch noch fast gleich hoch! Wie soll denn hier eine ganze Gruppe vom gleichen Gipfel reden können? Immerhin waren damit schon zwei Touren im Detail geplant: Eine auf den Piz Ault, die andere ebenfalls…
Zu diesen Vorbereitungs-Hindernissen gesellt sich übrigens gerne noch ein weiterer Stolperstein dazu: Manche Berge heissen nämlich schlicht so ähnlich, dass man sie gerne verwechselt. Oder was soll denn beispielsweise schon der Unterschied zwischen dem Chilchalphorn und dem Chüealphorn sein? Die Antwort: Immerhin gute 70 Kilometer zwischen Hinterrhein und Davos!
Das Abenteuer Bergtour beginnt also oft schon zu Hause bei der Planung – mit einer sprichwörtlichen sprachlichen Gratwanderung. Wenn Worte nicht mehr helfen, gibt es schlicht nur eines: zusammen in die Karte schauen, um sich gegenseitig verstehen zu können. Übrigens eigentlich die perfekte Übung: Um sicher in den Bergen unterwegs zu sein, ist eine klare Kommunikation nämlich absolut essentiell – oft auch ohne Worte…

Foto: LAAX

Seit Kurzem darf ich im Hinblick auf die Olympischen Spiele die Medienarbeit für den Profi-Halfpipe-Snowboarder David Hablützel machen. Ein extrem spannendes Thema – und obwohl ich früher mal mehrere Jahre selber Snowboard gefahren bin, ist es auf diesem Niveau eine völlig neue Welt für mich. Und auch eine völlig eigene Sprache, die ich nun seit einigen Wochen zu verstehen und zu lernen versuche: «Snowboardisch»! Insbesondere die Namen der verschiedenen Sprünge haben es in sich… Der Siegeslauf von Iouri Podlatchikov an den LAAX OPEN Mitte Januar liest sich für einen Laien fast wie eine Abhandlung auf Chinesisch, obwohl die Namen mehrheitlich Englisch sind: Ein Frontside 900 Tailgrab, gefolgt von einem Backside 900 Nosegrab, dann ein Frontside Double Cork 1080 und ein Cab Double 1080 Mute und zum Schluss noch ein Alley Oop Double Backside Rodeo 900 Melon… Allein vom Zuschauen schwirrt einem da schon der Kopf – und die Namen tragen auch nicht sehr viel zur Klärung bei. Oder wissen Sie nach dieser Aufzählung, was der Sportler genau in der Halfpipe gezeigt hat?
Dabei gibt es eigentlich durchaus eine Logik in der Benennung der Sprünge: Die Zahl gibt die Drehung um die eigene Achse in Grad an, also quasi die Anzahl Schrauben, Frontside und Backside bezeichnen die Drehrichtung, ein Cork ist eine Drehung über den Kopf, also gewissermassen ein integrierter Salto, «Cab» steht für rückwärts angefahren und zuhinterst kommen die «Grabs», also wo das Brett mit der Hand gefasst wird. Ein Frontside Double Cork 1080 ist also ein Sprung, mit Drehrichtung, bei der die Vorderkante zuerst gegen das Tal zeigt, mit drei Schraub-Drehungen um die eigene Achse, also 1080 Grad, wovon bei zweien eine Drehung über den Kopf, also quasi ein Salto integriert wird – zwei Corks eben. Soweit also logisch und doch einigermassen hilfreich, um zu verstehen, was da so in die Luft geturnt wird. Bis zu vier Drehungen, also 1440 Grad, werden heute von Spitzenfahrern gemacht – schwindelerregend...
Ein rückwärts angefahrener Doppelsalto mit vierfacher Schraube müsste nach der eben erklärten Logik also eigentlich Cab Double Cork 1440 heissen. Eigentlich… Der Erfinder des Sprungs hat ihn aber kurzerhand «Yolo-Flip» getauft, für «you only live once» - und so wird er in der Snowboardszene nun auch genannt. Tja, so schnell ist es wieder vorbei mit der mühsam erlernten Logik! Nun, wer soll es den Snowboardern schon verübeln: Schliesslich reden wir im Alltag auch von einem «Pfünderli» und kaum je von einem «halben Kilo Brot», und «Hippie-Bus» oder «Bulli» klingen einfach auch besser als «VW T1»…
Ausserdem spielt es für den Grossteil der Zuschauer auch kaum eine Rolle, ob sie den Sprung nun «verstehen» oder nicht. Die Unterschiede in der Luft sind für Laien so oder so schwer zu sehen und ob ein Athlet nun drei oder vier Drehungen gemacht hat, ist von blossem Auge kaum zu erkennen. Viel Eindruck hinterlassen schlussendlich einfach die unglaublichen Kunststücke, die die Profis akrobatisch in den Himmel zaubern. Und zum nach aussen getragenen, legeren Image der Snowboarder passt der technische Begriff Cab Double Cork 1440 doch eigentlich viel weniger, als der das pure Lebensgefühl ausdrückende «Yolo-Flip»! Das ist eben «Snowboardisch»!