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Es mag kleinlich sein – aber was ich in meinen Lektoraten und Korrektoraten wohl am meisten korrigiere, ist das, was liebevoll auch Deppenleerschlag genannt wird: Also fehlende Bindestriche bei eigentlich zusammengesetzten Wörtern. Ich mache also den All in One Drucker zum All-in-One-Drucker, das Echtzeit Feedback zum Echtzeit-Feedback und aus dem 3er Etui ein 3er-Etui, auch wenn das natürlich viel spiessiger ist... Manchmal wird es als pingelig wahrgenommen, wenn ich das fehlende Strichlein ergänze – meist versteht man doch wohl auch ohne, was gemeint ist – und schliesslich kommen Smartphone-Nachrichten und das Englische ja auch sozusagen ohne aus... Ja, oftmals ist etwas auch ohne Bindestrich verständlich – ist auf Deutsch halt einfach nicht korrekt. Denn zusammengehörende Wortgruppen müssen im Deutschen aneinander geschrieben werden – und da sind auch ganz lange Wortketten erlaubt, wie zum Beispiel Finanzdienstleistungsunternehmen oder Dampfbahnvereinsvorstand. Dient es der besseren Lesbarkeit, also üblicherweise bei langen Wörtern ab vier Wortteilen oder bei Kombinationen mit fremdsprachigen Begriffen, dürfen Bindestriche gesetzt werden, also etwa Finanz-Dienstleistungsunternehmen, Dampfbahn-Vereinsvorstand oder eben Echtzeit-Feedback. Da die vorangehenden Wortteile aber stets den letzten genauer beschreiben, gehört die Gruppe zusammen und darf nicht einfach durch ein Leerzeichen getrennt werden – auch wenn man das möglicherweise verstehen würde…

Und manchmal macht das unscheinbare Strichlein eben gar doch den entscheidenden Unterschied in der Bedeutung, insbesondere, wenn es als Stellvertreter für einen ausgesparten Wortteil steht. So zum Beispiel kürzlich auf einer Speisekarte in Tirol: «Oetztaler Tris», hiess das Menu, gemäss Karte bestehend aus Schlutzkrapfen, Spinat und Kasspressknödel. Mmmh, lecker, dachte ich. Etwas Währschaftes, kombiniert mit frischem Gemüse – das bestell ich! Als das Gericht kam, war ich etwas überrascht. Das Blattgemüse fehlte, dafür lagen dreierlei Teigspeisen auf dem Teller – eine davon etwas grünlich… Es dämmerte mir. Es handelte sich offensichtlich nicht um Spinat, sondern um Spinatknödel. Der Bindestrich auf der Karte hätte das Missverständnis ausgeschlossen: Bei «Schlutzkrapfen, Spinat- und Kasspressknödel» wäre klar gewesen, dass das Gemüse nicht in separater Form auf den Teller kommt. Zugegeben – ich hätte das Menu wohl auch bestellt, wenn es auf der Karte korrekt mit Bindestrich notiert gewesen wäre, weil ich solche Speisen einfach liebe. Nichtsdestotrotz hat das Texterherz in mir in solchen Fällen immer einen kurzen Aussetzer. Mein Aufruf daher: Füllt den Deppenleerschlag doch bitte mit dem Bindestrich, sodass nicht nur der Text, sondern auch der Texterherzschlag flüssig bleibt…

PS: Für alle, die sich über das Thema weiter amüsieren mögen: Das Internet bietet im Bereich Deppenleerschlag und fehlende Bindestriche eine wirklich sehr bunte Auswahl an prächtiger Unterhaltung… Einfach mal googlen – es lohnt sich!

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Das Fragenkarussell…
Ein Textworkshop?!? Die Anfrage kam aus heiterem Himmel! Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem ich mit Arbeit sowieso schon völlig unter Wasser war… Sofort begann das innere Fragenkarussell zu drehen: Will ich das? Kann ich das überhaupt? Wann soll ich sowas nur vorbereiten? Ich entschied mich für volle Transparenz und sagte dem Kunden, dass ich noch nie Schulungen gegeben und ich frühestens in ein paar Monaten Kapazität dazu hätte. Dass es vermutlich andere gäbe, die darauf spezialisiert und früher parat sind, es einfach aus der Schublade ziehen oder viel schneller und vor allem strukturierter aus dem Ärmel schütteln. Denn hier lag mein wirkliches Problem: Ich texte zwar jeden Tag – gehe dabei aber nach rund zwei Jahrzehnten nicht mehr so systematisch vor. Meist schreibe ich eher intuitiv, weiss aus Erfahrung, wie ich einen Text beginne, ihn aufbaue und wie viele Fragen ich für welchen Umfang stellen muss. Aber wie sollte ich das an Laien vermitteln? Der Kunde blieb hartnäckig. Er möge es praxisbezogen, Theorie sei ihm nicht so wichtig. Und in ein paar Monaten sei für ihn ein passender Zeithorizont. Nun hatte ich also ein weiteres Problem: Ich wusste noch immer nicht recht, ob ich diesen Auftrag wollte – aber nun waren mir die Ausreden ausgegangen… Ich sagte dem Kunden also für den Textworkshop zu – auch wenn ich noch absolut keine Ahnung hatte, was und wie ich am Tag X vermitteln würde…

Die Was-mach-ich-eigentlich-Analyse…
Immerhin blieb mir noch etwas Zeit. Zeit, in der ich meine oft intuitive Schreibarbeit bewusst zu analysieren begann. Was mache ich eigentlich jeweils genau? Und wie? Das Notizblatt zum Workshop wurde mein treuer Begleiter. Kaum ein Arbeitstag, an dem ich nicht irgendeine Idee, ein Redaktionsprinzip oder ein für mich persönliches Reizwort notierte. Es fühlte sich an, wie wenn man einem 18-jährigen das Autofahren oder einem Kleinkind das Radeln beibringen will und erst wieder herausfinden muss, was hinter längst automatisierten – und damit ressourcenschonenden – Prozessen eigentlich genau steckt… Langsam bekam der Workshop etwas Kontur und mit der Zeit begann ich daran zu glauben, etwas Sinnvolles vermitteln zu können. Die Herausforderung «Neuland» aber blieb – denn im Unterschied zu normalen Texten, bei denen ich von Beginn weg eine ziemlich klare Vorstellung vom Endprodukt und dem notwendigen Zeitaufwand habe, wusste ich hier noch immer nicht wirklich, wo dieser Weg hinführt, was genau das Ziel ist und wie weit ich schon bin…

Das neue Mindset…
Wie ich den Workshop so langsam strukturierte, freute ich mich plötzlich darauf. Die anfängliche Last war dem Mindset «tolle Chance» gewichen: Mal wieder etwas ganz Neues ausprobieren und mich persönlich und geschäftlich weiterentwickeln! Mehrere Testpersonen hiessen den Inhalt gut und stimmten mich zuversichtlich. Zudem macht es mir nichts aus, vor Leute hinzustehen und etwas zu präsentieren. Da helfen sicherlich auch die Kletterkurse, die ich nebenberuflich jede Woche gebe. Die grösste Unbekannte blieb das Timing. Würde der Umfang für einen halben Tag passen? Musste ich für die praktischen Übungen 15 oder 45 Minuten einplanen? Mit ein paar optionalen Nice-to-have-Themen am Schluss des Workshops schaffte ich den notwendigen Spielraum. Ich war bereit.

Die Premiere…
Und dann kam er also, der Tag X – meine grosse Premiere! Nach intensiver Vorbereitung durfte ich Ende März bei ELYSATOR meinen ersten, halbtägigen, kundenspezifischen Textworkshop leiten – und das, obwohl ich anfänglich gar nicht überzeugt war, ob ich dies wirklich machen sollte… Was beide Seiten von Beginn als Experiment mit undefiniertem Ausgang deklarierten, fand bei allen Beteiligten grossen Anklang. Ich leitete mit viel Freude und gefühlt ziemlich souverän durch den Nachmittag, die Teilnehmenden waren engagiert dabei, entwickelten spannende Diskussionen und hatten alle ihre ganz persönlichen, wohl bleibenden Aha-Erlebnisse. Wir schälten Kernbotschaften heraus, erarbeiteten gemeinsam Zielgruppen, erstellten Checklisten und lernten anhand konkreter Beispiele aus den Werbemitteln des Unternehmens Grundsätze für gutes Texten kennen. Sogar das Timing ging auf und das Feedback des Kunden zum Workshop fiel durchwegs positiv aus. Die Erleichterung und Freude waren gross – die Premiere war geglückt.

Das neue Angebot…
Einmal mehr hat sich bestätigt, was ich eigentlich längst wusste: Es lohnt sich so gut wie immer, sich aus der Komfortzone raus und auf Neuland zu wagen. Neuland, das ich künftig hoffentlich öfters betreten darf. Aus der gelungenen Premiere ist nämlich ein neues Angebot von TEXTSCHAFT entstanden: Ich habe entschieden, solche Textworkshops zukünftig weiterhin anzubieten – massgeschneidert, für KMUs, NGOs, Vereine oder andere Organisationen. Und zwar primär darum, weil es mir einfach Spass macht! Der erste Folgeauftrag ist bereits im Haus.
Ein ganz grosses Dankeschön an alle, die zur gelungenen Premiere beigetragen haben – allen voran an Rolf Frei von ELYSATOR für seine Hartnäckigkeit: Er hat mich damit aus der Komfortzone geschubst, mir eine grossartige Chance gegeben und mir die Tür zu diesem spannenden Neuland geöffnet.

Kurz nach Weihnachten bauten mein Mann und ich mit unserer Tochter ein Lebkuchenhaus, um es danach mit vielen farbigen Zuckerfiguren zu verzieren. Bei der Montage der Wände und des Daches war ich aktiv dabei, wegen eines Anrufs überliess ich die Dekoration aber den beiden ohne mein Beisein. Nach meinem Telefonat begutachtete ich das fertige Lebkuchenhäuschen: Es war richtig hübsch geworden, mit vielen liebevollen Details. Ich freute mich sehr über das gemeinsame Werk meiner Liebsten und sparte nicht mit Komplimenten.

Nur eines machte mich etwas stutzig: «Weshalb habt ihr denn die Brezeln verkehrt herum aufgeklebt?», fragte ich meinen Mann neugierig. «Ach, die wollte die Kleine so herum haben», antwortete er achselzuckend. Ich war etwas überrascht: «Sie hat mir vorhin aber erzählt, sie hätte nur die zwei beim Kamin angebracht.» «Eben…» «Ja, aber das sind ja die einzigen, die richtig herum sind», sage ich. Mein Mann schaut mich verständnislos an: «Du meinst, das sind die einzigen, die falsch herum sind», entgegnet er. «Eben nicht», sage ich. «Alle anderen sind doch falsch…» Wieder schauen wir uns an. Erst verständnislos, dann plötzlich lachend. Wir hatten eben begriffen, dass unser Verständnis von einer richtig herum platzierten Brezel offensichtlich verschieden ist – und dann ist uns wohl gleichzeitig bewusst geworden, dass es bei der Position einer Brezel eigentlich gar kein richtig oder falsch gibt. Für mich ist die Variante «Schaukelpferd», also der grosse Bogen unten, stimmiger und damit für mein Empfinden «richtig», für meinen Mann die Variante «auf zwei Höckern stehend».

Dass wir zur «richtigen» Position einer Brezel verschiedene Meinungen haben, ist dabei überhaupt kein Problem. Das Problem war viel mehr die Selbstverständlichkeit unserer eigenen Wahrnehmung und die damit verbundene, sprachlich wertende Ausdrucksweise, die offensichtlich zu einem Missverständnis geführt hat. Ein Missverständnis, dass schlussendlich mit grossem Lachen geendet hat. Aber auch eines, mitunter kommunikativer Art, wie es uns immer wieder begegnet – vermutlich sogar oft, ohne dass wir es merken und vielleicht auch mit weniger lustigem Ende. Im Falle unserer Brezeln haben wir beide ganz automatisch, aber komplett unbegründet, unsere eigene Position als die richtige angeschaut und dabei nicht mal in Betracht gezogen, dass es eine andere Meinung geben könnte, die vielleicht auch nicht falsch ist. Diese andere Perspektive hatte im Strudel des eigenen Selbstverständnisses bis dahin schlicht gar keinen Platz gehabt. Entsprechend tendenziös war auch die sprachliche Ausdrucksweise. Immerhin redeten wir miteinander, konnten das Missverständnis klären und Brezelgate für beendet erklären.

Bevor ich das nächste Mal aber etwas als richtig oder falsch betitle, werde ich – Brezelgate sei dank – mich auf jeden Fall zuerst fragen, ob es denn überhaupt richtig oder falsch gibt, oder ob es vielleicht einfach anders ist und ich es daher auch sprachlich offener formulieren sollte… Und ich bin gespannt, wie viele ähnliche Angelegenheiten ich zukünftig noch aufdecken darf. Im Falle der Brezel hat es bei meinem Mann und mir doch fast 12 Jahre gedauert, bis wir dieser Meinungsverschiedenheit auf die Spur gekommen sind…

Übrigens, unsere Besucher, die das Lebkuchenhaus am Folgeabend als Dessert vorgesetzt bekamen, waren bezüglich der richtigen Positionierung einer Brezel ebenfalls geteilter Meinung. Auch die Auslagen in Bäckereien, die ich seither eingehend auf diesen Sachverhalt studiere, liefern keine eindeutige Tendenz. Es scheint im Falle der Brezelposition also tatsächlich kein richtig oder falsch zu geben, sondern schlicht eine Frage der Perspektive zu sein – und der adäquaten Kommunikation.

Effiziente Informationssortiererin, überzeugende Perspektivenwechslerin, komplexitätsreduzierende Fachsprache-Übersetzerin oder mutiger Relevanzfilter: Für das Magazin der dynamischen und sympathischen Online-Jobplattform Freshjobs, Arbeiten mit Internet, durfte ich aus dem Nähkästchen plaudern und habe 10 plus 1 nicht ganz offensichtliche Rollen, die man als Texter oder Texterin so innehat, mit Augenzwinkern beschrieben. Denn Texten ist so viel mehr, als nur fehlerfrei zu schreiben… Aber lest selbst!

Sagen Bilder tatsächlich mehr als 1000 Worte? Ja – sage ich dazu sogar als Texterin! Jedenfalls wenn es gute, beziehungsweise aussagekräftige, für eine Sache repräsentative Bilder sind. Bereits zum vierten Mal durfte ich anfangs September 2021 MONDRAKER ENDURO TEAM in Davos kommunikativ begleiten, ein Mountainbike-Plauschrennen für Teams, das stets für grosse Emotionen sorgt. Emotionen, die wir vor allem in Bildern festhalten.

Nebst ganz vielen Fist Bumps, High Fives und Umarmungen, die durch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen via Social Media verbreitet werden, sind auch seitens der Event-Organisation jeweils mehrere Fotografen und eine Filmcrew im Einsatz. In einem Briefing bespreche ich vorab mit ihnen, auf welche Bildinhalte sie den Schwerpunkt legen sollen, damit die Aufnahmen am Schluss eben repräsentativ sind und genau das zeigen, wofür der Event steht – so, dass Bilder dann eben mehr sagen als 1000 Worte!

Als Herzblut-Biker verstehen unsere Bildmacher dabei nicht nur das rationale Briefing, sondern spüren auch emotional, welche Bilder Biker berühren. Das Motto des Events, «Für Biker, von Bikern» zieht sich damit auf der ganzen Linie durch. Und da auch ich als bikende Texterin weiss, wann Bilder mehr sagen als Worte, höre ich an dieser Stelle zu schreiben auf und lass ein paar Bilder sprechen… Danke Andographie und Geyerfilm für diese berührenden Impressionen und die engagierte Zusammenarbeit!

 

Vor rund einem Jahr habe ich über die nonverbalen Ausdrucksfähigkeiten meiner Tochter geschrieben und gestaunt. Mittlerweile ist ihre Kommunikation verbal geworden: Die Zweijährige plappert erstaunlich gewandt, von morgens früh bis abends spät – und redet zurzeit einfach alles nach. Natürlich auch das, was sie eigentlich nicht sollte. Zum Beispiel das «Oh Mann…», das mir spontan entfährt, wenn sie – aus welchen Gründen auch immer – gerade zum x-ten Mal ihren Wasserbecher ausgekippt hat. Mit jeder weiteren, absichtlich kreierten Wasserlache werden meine Ausdrücke etwas lauter und vor allem weniger salonfähig – die Kleine wiederholt sie alle ganz erheitert. Mich begeistert dies natürlich weniger. Beeindruckend zwar, wie rasch Töchterchen lernt und wie gekonnt ihre Aussprache manchmal schon ist – nichtsdestotrotz gebe ich zu, ihr so ungewollt auch den einen oder anderen Ausdruck vermittelt zu haben, der eigentlich nicht in den Wortschatz einer Zweijährigen gehört.

Den aber doch recht anstrengenden und bisweilen auch nervenaufreibenden Alltag mit einem Kleinkind stets ganz ohne Kraftausdrücke meistern zu wollen, wäre in meinem Fall aber wohl doch etwas zu ambitioniert und auch nicht ganz authentisch. Und ganz ehrlich – mittlerweile ist mir klar, dass es wohl auch schon meiner Mutter und meiner Grossmutter so erging. Auf der Suche nach kindergerechten Ausrufen und kreativen Ersatz-Fluchwörtern bin ich nämlich zwischenzeitlich auf so manchen Ausdruck gestossen, den ich aus meiner Kindheit als typisches «Grosi-Wort» abgespeichert hatte. Ich übe mich zurzeit also darin, bei weiteren Wasserlachen und ähnlichen Ereignissen nur mit «Sterne Foifi!», «heitere Fahne!» oder «Heimatland!» zu reagieren. Obwohl ich alles andere als religiös bin, benutze ich auch «Herrgott Sterne!» und «heilige Bimbam!» momentan durchaus regelmässig. Die Liste liesse sich natürlich noch beliebig erweitern.

Fast am liebsten mag ich aber den wieder hervorgekramten Ausdruck «oh du verbrennti Zaine!» Weshalb? Weil es für mich mehr als erheiternd ist, wenn die Kleine jeweils mindestens so theatralisch wie ich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, melodramatisch die Augen aufreisst und laut «oh du vebännti Tainä!» von sich gibt. Laute Kraftausdrücke weichen so sofort lautem Lachen – und auch das ahmt meine Tochter zum Glück sehr gerne und gut nach!

Es ist in der zweiten Corona-Welle gegen Ende 2020, als auch ich mir die Medienkonferenz des Bundesrats im Schweizer Fernsehen anschaue. Zum einen interessieren mich natürlich die neuen Massnahmen, als Texterin und Kommunikatorin aber auch stets die Art und Weise sowie die Strategie, wie etwas kommuniziert wird – gerade in einer Krise. Sehr bald gilt meine Aufmerksamkeit aber keinem der beiden Themen mehr – denn plötzlich sehe ich meine Vereinskollegin Sarah Caminada am Bildschirm und frage mich, ob das wirklich sein kann… Nein, sie ist weder Politikerin noch Fachexpertin und auch nicht Journalistin. Trotzdem steht sie da, wild gestikulierend, vor einem Millionenpublikum: Sie dolmetscht die Medienkonferenz simultan in Gebärdensprache! Fasziniert und schwer beeindruckt hänge ich nicht primär an ihren Lippen – sondern vor allem an ihren Händen und ihrer Mimik. Unglaublich, wie schnell und scheinbar präzise sie das alles ausdrückt. Ob sie wirklich genau das übersetzen kann, was gesprochen wird? Wie viele Details muss sie weggelassen, weil es zu schnell geht oder es in Gebärdensprache keine Ausdrücke dafür gibt? Kann sie Emotionen oder Tonalität auch rüberbringen? Wer merkt, wenn ihr ein Fehler passiert? Wie auch bei klassischem Übersetzen oder Dolmetschen in gesprochene Sprachen ist es sicher auch hier Berufsstolz und Vertrauenssache. Nur – in Zeiten von Deepl und Google-Translator kann man bei klassischen Fremdsprachen die Inhalte doch manchmal noch nachvollziehen oder zumindest ansatzweise überprüfen. Bei der Gebärdensprache geht das kaum – es ist eine Art Geheimsprache unter den Gehörlosen, eine Welt, in der uns Hörenden für einmal quasi die Hände gebunden sind.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Primarschulzeit, in der ich und meine damals besten Freundinnen manchmal in Geheimsprache zu kommunizieren versuchten, damit andere uns nicht verstehen. Oft wurden wir deswegen von den Lehrern getadelt. Dass dies aber auch bis vor Kurzem den Gehörlosen  trotz ihren Einschränkungen widerfuhr, ja, sie wegen der Nutzung ihrer Sprache sogar geschlagen wurden, ist traurige Realität: Obwohl Gebärdensprache schon auf die Antike zurückgeht, wollte man ab Anfang des 19. Jahrhunderts gehörlose Kinder ausschliesslich zum Sprechen erziehen. Hörende bekämpften die Gebärdensprache mit allen Mitteln und machten sie als «Affensprache» schlecht, worauf sie ab 1880 länderübergreifend in fast allen Schulen verboten wurde – ein Zustand, der mancherorts bis in die 1990er-Jahre anhielt…

Die Gebärdensprache überlebte vor allem dank der Anwendung im Untergrund und im privaten Bereich der Familie. Obwohl sie heute offiziell als vollwertige Sprache akzeptiert ist, kämpfen die rund 500'000 Hörbehinderten in der Schweiz auch jetzt noch ständig um Gleichberechtigung. So wurden beispielsweise die Medienkonferenzen des Bundes zu Corona anfänglich nicht in Gebärdensprache übersetzt – erst auf Druck des Schweizerischen Gehörlosenbundes wurden Gebärdensprachdolmetscher engagiert. Meine Vereinskollegin Sarah ist eine davon und verschafft durch ihre Arbeit der gehörlosen Minderheit in der Deutschschweiz in der aktuellen Krise Zugang zu wichtigen Informationen.

Auch andere aus unserem Verein sind beeindruckt – wie ich wussten offenbar viele nicht von Sarahs Engagement. Der Club-Chat läuft auf Hochtouren – es kommen zahlreiche Komplimente, Bewunderung und Respekt, aber auch unzählige Fragen, von denen eine kleine Auswahl weiter oben schon aufgeführt ist. Ich will mehr wissen und beschliesse, Sarah anzurufen. Resultat unseres Telefontermins wird ein hochspannendes Interview über Gebärdensprachdolmetschen, das am Ende dieses Textes in voller Länge folgt und viele der Fragen aus unserem Club-Chat beantwortet. Aus den Rückmeldungen im Verein wird aber auch klar, dass vielen von uns bis jetzt überhaupt nicht bewusst war, welch schweren Stand Hörbehinderte hierzulande eigentlich haben. So ist es auch durchaus etwas ironisch, dass diese Minderheit durch die am TV gedolmetschten Medienkonferenzen plötzlich eine deutlich breitere Aufmerksamkeit erhält, just in einer Zeit, in der sich ihre Alltagskommunikation wegen der ausgedehnten Maskenpflicht noch viel schwieriger gestaltet, als sonst.

Einen positiven Aspekt erläutert Tatjana Binggeli, Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes im Wissensmagazin Einstein des Schweizer Fernsehen dennoch: Wegen der Masken erfahren momentan auch Hörende am eigenen Leib, wie viel nonverbale Information in einem Gespräch plötzlich fehlt, wenn nur noch ein Teil der Mimik sichtbar ist. So wächst zumindest im Ansatz das Verständnis, was Sprachbarrieren für Betroffene bedeuten. Mehr Empathie und die Bemühungen von Hörenden, sich deutlicher auszudrücken, seien für Hörbehinderte zurzeit spürbar, findet Binggeli. Bleibt zu hoffen, dass Corona dadurch zumindest den Gehörlosen auch nachhaltig und über die Zeit der Maskenpflicht hinaus mehr Gehör verschafft – und der Gebärdensprache mehr Sichtbarkeit.

 

«Grundsätzlich lässt sich alles übersetzen!» – Gebärdensprachdolmetscherin  Sarah Caminada im Interview

TEXTSCHAFT: Sarah, seit die Medienkonferenzen des Bundes zu Corona in Gebärdensprache gedolmetscht werden, stehst du bei deiner Arbeit plötzlich vor einem Millionenpublikum. Erhältst du viele Reaktionen?
Sarah Caminada: Ja, es sind deutlich mehr als vorher. Bis anhin nahmen eigentlich nur Leute die Übersetzungen in Gebärdensprache wahr, die sich quasi zufällig oder fast irrtümlich mal Sendungen auf SRF Info statt auf den Hauptkanälen anschauten und uns dann da bei unserer Arbeit sahen. Durch die jetzigen Engagements bei den Medienkonferenzen erhält die Gebärdensprache scheinbar schon eine viel höhere Aufmerksamkeit.

TEXTSCHAFT: Wie genau lässt sich überhaupt in Gebärdensprache übersetzen? Musst du viele Details weglassen, weil es keine entsprechenden Ausdrücke gibt oder es einfach zu schnell geht?
Sarah Caminada: Grundsätzlich lässt sich alles in Gebärdensprache übersetzen, die sprachlichen Mittel sind vorhanden – und das ist natürlich auch immer das Ziel. Bei neuen Begriffen, zu denen es noch keine etablierten Gebärden gibt, müssen wir aber manchmal kreativ sein und beispielsweise mittels Fingeralphabet buchstabieren. Da kann die Zeit in einer Medienkonferenz schon mal etwas knapp werden.

TEXTSCHAFT: Wie entstehen denn neue Begriffe in Gebärdensprache? Gibt es dazu ein filmisches Wörterbuch?
Sarah Caminada: Hier muss ich erst anfügen, dass es zahlreiche verschiedene Gebärdensprachen gibt. Ich kann den Prozess nur für die Deutschschweizer Gebärdensprache erklären, in die ich auch dolmetsche. Es gibt tatsächlich ein Online-Lexikon vom Schweizerischen Gehörlosenbund. Allerdings dauert es manchmal etwas länger, bis neue Ausdrücke da drin erscheinen, da sie erst aufgenommen werden, wenn sie genügend etabliert sind. Neue Gebärden entstehen jeweils bottom-up aus der Community heraus und müssen sich im Gebrauch erst durchsetzen. Die gebräuchliche Gebärde für Corona war beispielsweise im Februar 2020 noch eine andere, als jetzt. Es ist also ein sehr lebendiger Prozess. Mein Arbeitgeber stellt uns daher auf einer Plattform jeweils Inputs direkt von Gehörlosen zur Verfügung, die wir so bei aktuellen Themen auch schon nutzen können, bevor sie im Wörterbuch erscheinen.

TEXTSCHAFT: Weshalb gibt es denn so viele verschiedene Gebärdensprachen?
Sarah Caminada: Wie bei gesprochenen Sprachen entstanden in verschiedenen Regionen halt auch verschiedene Gebärdensprachen. Diese sind komplett losgelöst von den jeweiligen Lautsprachen, aber halt doch unterschiedlich. Es gibt allein in der Schweiz drei verschiedene Gebärdensprachen, je für die deutsch-, die französisch- und die italienischsprachige Schweiz. Angrenzende Länder wie Österreich oder Deutschland verwenden wieder andere Gebärdensprachen. Dazu kommen zahlreiche regionale Dialekte. In der Deutschschweiz unterscheidet man deren fünf, die historisch aus den verschiedenen Gehörlosenschulen gewachsen sind. Diese sind sich aber nahe genug, dass sich alle untereinander verstehen.

TEXTSCHAFT: Gibt es denn eine internationale Gebärdensprache als Konsens?
Sarah Caminada: Es gibt «International Sign», das dem ansatzweise gleichkommt. International Sign wird aber bewusst nicht als effektive Sprache bezeichnet, da es eigentlich ein künstliches Konstrukt ist. Spannend ist, dass sich Gehörlose aus verschiedenen Regionen trotz unterschiedlicher Gebärdensprachen oft rasch verstehen. Wenn wir Hörenden im Ausland sind und uns verbal nicht ausdrücken können, beginnen wir auch automatisch, mit Händen und Füssen zu kommunizieren. Gehörlose sind darin natürlich wahre Meister und können sich dank ihrer grossen Übung meist schnell verständigen.

TEXTSCHAFT: Wie ist es denn mit Emotionen, Tonalität oder gar Humor und Wortwitz? Lässt sich das in Gebärdensprache übersetzen?
Sarah Caminada: Emotionen werden ja auch von Hörenden sehr stark durch Körpersprache und Mimik ausgedrückt – das lässt sich also wunderbar übertragen. Auch einer Tonalität liegt meist eine Art Emotion zu Grunde, das funktioniert weitgehend. Was Humor und Wortwitz betrifft – da könnten auch konventionelle Dolmetscher von gesprochenen Sprachen abendfüllend Anekdoten erzählen… Wortwitze lassen sich so gut wie nie adäquat in eine andere Sprache übersetzen – auch nicht in Gebärdensprache. Humor eigentlich schon. Wie er ankommt, ist aber – wie unter Hörenden – viel mehr von den anwesenden Menschen beziehungsweise deren Humor abhängig, als von den sprachlichen Mitteln.

TEXTSCHAFT: Wie wird man überhaupt Gebärdensprachdolmetscher, beziehungsweise, wie war dein Werdegang?
Sarah Caminada: Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist noch jung, den gibt es offiziell erst seit den 90er-Jahren. Ursprünglich habe ich an der Uni Bern Englisch studiert. Das allein erfüllte mich aber noch nicht. Aus rein sprachlichem Interesse habe ich dann einen Gebärdensprachkurs besucht – da hat es mir regelrecht den Ärmel reingenommen! Daraufhin habe ich an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich den Bachelor of Arts in Sign Language Interpreting für die Deutschschweizer Gebärdensprache gemacht. Dieser Lehrgang startet bisher aber nur alle drei Jahre.  

TEXTSCHAFT: Du hattest vor deiner Ausbildung also keinerlei persönlichen Bezug zur Gebärdensprache, beispielsweise einen familiären Hintergrund?
Sarah Caminada: Nein. Ich habe diesbezüglich weder einen familiären Hintergrund noch ein Helfersyndrom. Mein Interesse war primär sprachlicher Natur. Auch in meiner Klasse hatten nur gerade einzelne einen persönlichen Bezug. Eine gewisse Distanz ist in diesem Beruf im Sinne von Gleichberechtigung auch hilfreich. Wer nur aus Mitleid für Gehörlose studieren will, wird gar nicht erst zugelassen. Ich komme aber ursprünglich aus dem Bündnerland und bin mit Romanisch aufgewachsen. Ich weiss also zumindest, was es bedeutet, einer sprachlichen Minderheit anzugehören.

TEXTSCHAFT: Wie kamst du zu den Engagements bei den Medienkonferenzen des Bundes?
Sarah Caminada: Die Buchungen laufen über meinen Arbeitgeber Procom. Wir sind allerdings nie in Bern vor Ort, sondern dolmetschen aus dem TV-Studio in Zürich.

TEXTSCHAFT: Ich stelle mir das als riesige Herausforderung vor… Was ist dabei am anspruchsvollsten?
Sarah Caminada: Live-Gefässe sind natürlich immer anspruchsvoller als aufgezeichnete Sendungen. Hier ist es aber insbesondere die Kombination mehrerer fordernder Einzelkomponenten im Paket. Wir können uns jeweils nur marginal auf diese Einsätze vorbereiten, da wir vorab auch nicht mehr wissen, als der normale Bürger. Die Themen sind oft sehr komplex oder auch wissenschaftlich, insbesondere bei den Experten-Konferenzen des BAG, die wir ja auch dolmetschen. Die Inhalte sind von nationaler Relevanz und haben eine sehr hohe Reichweite. Zudem sind wir ja Dolmetscher, nicht Schauspieler. Die Präsenz der Kamera trägt also eher nicht zur Beruhigung bei und auch nicht, dass die Beiträge später für lange Zeit im Archiv verfügbar sind… Da ist der Druck schon hoch, eine gute Leistung zu bringen. Man ist die ganze Zeit voll konzentriert.

TEXTSCHAFT: Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ihr euch jeweils abwechselt?
Sarah Caminada: Genau. Bei diesen Medienkonferenzen vor Kamera sind wir immer zu zweit und wechseln uns etwa alle zehn Minuten ab. Einfach Pause machen können wir dazwischen aber nicht. Wir müssen natürlich alles mitbekommen, um nachher inhaltlich den Zusammenhang wieder herstellen zu können oder bei Journalistenfragen im Anschluss den Bezug zu haben. Noch anspruchsvoller ist eigentlich nur die Tagesschau, da dort zusätzlich alle paar Minuten das Thema wechselt. Aber die dolmetsche ich nicht.

TEXTSCHAFT: Überprüft jemand während diesen Einsätzen jeweils eure Übersetzungen auf inhaltliche Richtigkeit?
Sarah Caminada: Nein, nicht direkt. Aber wir erhalten manchmal schon Rückmeldungen von Gehörlosen oder von unserem Arbeitgeber. Aufgrund dieser Feedbacks sind wir natürlich auch stets bestrebt, uns zu verbessern.

TEXTSCHAFT: Immerhin dürft ihr ohne Maske arbeiten…
Sarah Caminada: Ja, in Gebärdensprache übersetzen geht mit Maske definitiv nicht. Deshalb müssen wir zurzeit aber bei unseren Einsätzen besonders vorsichtig sein in Bezug auf Abstand – oder wir lösen es auch mal über Videocalls.

TEXTSCHAFT: Was bedeutet die zurzeit sehr ausgedehnte Maskenpflicht für Gehörlose?
Sarah Caminada: Da ich selber hörend bin, kann ich hierzu nicht für Gehörlose sprechen. Als Gebärdensprachdolmetscher sind wir zwar oft die Exponenten, aber nicht die Repräsentanten der Gehörlosen. Auch wir können uns nur eingeschränkt in deren wirkliche Situation versetzen – da wäre es nicht adäquat, hierzu für sie Stellung zu nehmen. Da Masken aber sogar für uns Hörenden die Kommunikation merklich beeinträchtigen, ist die momentane Situation für Hörbehinderte sicher nochmals deutlich erschwert. 

TEXTSCHAFT: Ist die aktuell erhöhte Aufmerksamkeit für die Gebärdensprache eine Chance?
Sarah Caminada: Ich hoffe es. Gehörlose müssen noch immer sehr oft darum kämpfen, dass Gebärdensprachdolmetscher finanziert werden. Eine breitere Aufmerksamkeit hilft hier hoffentlich.

TEXTSCHAFT: Sarah, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

Zur Person
Die 33-jährige Sarah Caminada ist im romanischsprachigen Bündnerland aufgewachsen und lebt heute in Bern. Sie hat ursprünglich Englisch studiert, seit 5 Jahren ist sie zudem diplomierte Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie arbeitet in einem 60%-Pensum bei der Stiftung Procom, dem Schweizer Vermittler von Dolmetschdienstleistungen für Hörbehinderte. Anfangs 2021 startet sie berufsbegleitend das europäische Master-Studium für Gebärdensprachdolmetschen (EUMASLI). Zudem arbeitet sie 40% an der Uni Bern im Bereich Studienangebotsentwicklung.

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Es gibt diese Leute, die beim Reden einen Tick haben. Die nach jedem dritten Wort «ääähm» oder «also» sagen, jeden Satz mit «weisst du» beenden oder immer und immer wieder den gleichen Begriff benutzen – so, dass man gar nicht mehr hinhört, was das Gegenüber eigentlich erzählt. Man ist nur noch auf diesen einen Ausdruck fixiert, wartet gespannt, bis er wiederkommt, ärgert sich innerlich leicht, sobald es soweit ist, denkt aber triumphierend «wusst ich’s doch!» und zählt in Gedanken mit – wieder ein Strich mehr...

Kennen Sie das? Ich auch! Erst kürzlich ist es wieder passiert. Und zwar, als ich mir im Fernseher das Halbfinale von «The Voice of Germany» ansah – beziehungsweise anhörte. Welches Wort mich so triggerte? «Unfassbar!» Unfassbar, denken Sie nun vielleicht… Aber, obwohl sich manche der Coaches durchaus eloquent ausdrücken, fiel mir schon früh in der Staffel auf, dass einige von ihnen diesen Begriff schon fast inflationär verwendeten: Der Gesang der Kandidaten ist unfassbar schön, der Song unfassbar schwierig oder der Fortschritt unfassbar toll. Der Ausdruck mag ja hin und wieder angebracht sein – aber es gäbe in unserer vielfältigen deutschen Sprache doch so zahlreiche passende Alternativen. Ein Online-Wörterbuch liefert gar über 40 Synonyme, die anstelle von «unfassbar» situativ in die TV-Show passen würden. Die Talente könnten also zum Beispiel auch mal überragend, fabelhaft oder sensationell klingen, das Lied ausserordentlich, enorm oder überaus schwierig und der Fortschritt verblüffend, spektakulär oder beispiellos sein.

Nun, vielleicht sind nicht alle Musiker sprachaffin – müssen sie grundsätzlich auch nicht. Von den Coaches mit Deutsch als Muttersprache, die alle auch aktive Songwriter sind und sich im Rahmen ihrer Liedtexte bewiesenermassen sehr differenziert mit Sprache und Wortwahl auseinandersetzen, hätte ich aber schon ein etwas reichhaltigeres Vokabular erwartet – zumal sie ja jeweils einen ganzen Auftritt lang Zeit haben, zu überlegen, was sie nachher sagen wollen. Aber weiter ging’s: Unfassbar da, unfassbar dort… Ich konnte nicht anders und begann, innerlich Striche zu machen, einer nach dem anderen. Das war ganz schön viel Arbeit. Und dann wurde es auch noch stressig: Als einer der Coaches den Ausdruck innert nur 30 Sekunden tatsächlich dreimal benutzte, um die Leistung einer Sängerin zu beschreiben, geschah es – ich verpasste die Entscheidung, wer ins Finale einzieht, weil ich noch damit beschäftigt war, die gedankliche Strichliste nachzuführen… Ausgesprochen schade, nicht? Oder, wie einige der Coaches kommentieren würden – einfach unfassbar!

Velofahren boomt! Das war schon vor Corona so. Dieses Jahr ist es aber ein derart breiter Trend geworden, dass scheinbar sämtliche Radsportgeschäfte leergekauft sind. Die Stadt Zürich hat eben eine Initiative für ein Veloschnellroutennetz von mindestens 50 Kilometern in den nächsten 10 Jahren angenommen – der Aufschwung dürfte also noch eine Weile andauern. Und plötzlich wollen alle beim Thema Velo mitreden. Damit das auch gelingt, erklärt TEXTSCHAFT hier ein paar Begriffe für Szene-Newbies.

Eigentlich ist es ganz einfach: Das Velo ist die schweizerische Bezeichnung des Fahrrads, kurz Rad. Die schnittige Sportvariante für auf Asphalt nennt sich Rennrad. Für die Gelände-Version hat sich in unseren Gefilden der englische Begriff Mountainbike durchgesetzt, kurz Bike. Bereits hier ist es aber nicht mehr so einfach: Verwendet man im englischsprachigen Raum den eigentlich englischen Begriff Bike, versteht man dort darunter sehr oft nicht ein Bergvelo, sondern ein Motorrad – oder auf gut Schweizerisch, einen Töff. Ebenso verwirrend ist der Begriff Enduro-Bike: Bei uns meist ein für raue Abfahrten optimiertes Mountainbike, mit dem man aber auch den Berg hoch treten kann, auf Englisch – und natürlich auch in der Töffszene – gemeinhin wiederum ein Motorrad, geländegängig konzipiert. Sonst eher viel umstritten, bringt das E-Bike in diesem Fall eine gewisse Versöhnung – ist es doch so eine Art Mischung aus Velo und Töffli und wird in beiden Sprachen gleich genannt. Seit dem Comeback des Radquer-Booms ist es aber noch komplizierter geworden: Um das Querrad tummeln sich auch bei uns englische Begriffe wie Cyclocrosser oder Gravelbike – klar, klingt ja auch cooler als «Schottervelo». Auch die Jedermann-Querrennen – oder, aus Amerika importiert, die «Gravel Grinder», wörtlich übersetzt in etwa «Kies-Mahlwerke», feiern ein Revival.

Und als ob das alles noch nicht genug wäre, entstehen in der Veloszene laufend neue Wortkreationen. So heisst eine eher neuere, internationale Rennserie mit Ursprung in den USA «Grinduro». Der Event kombiniert nicht etwa Kaffeemühlen mit Offroad-Motorrädern, sondern vereint das Beste von Gravel Grinder Races und Enduro-Mountainbikerennen. Eine Weiterentwicklung dieser Wortschöpfung ist ein Wettkampf namens Blinduro, bei dem die gemessenen Abschnitte nicht etwa mit Scheuklappen gefahren werden, sondern den Teilnehmern unbekannt sind, sodass sie eben «blind» zurückgelegt werden. Wer bei all diesen Steigerungen um «blind Races» so langsam den Durchblick verliert, wird sich der Einfachheit halber vielleicht doch überlegen, statt auf das Velo auf ein anderes, aber auch äusserst «nettes» Zweirad umzusteigen – das Trottinett…

Vor knapp einem Jahr habe ich in diesem Blog darüber geschrieben, wie schwierig sich für mich als äusserst sprachaffine Person die Kommunikation mit meiner neugeborenen Tochter gestaltet. Inzwischen ist sie zu einem 14 Monate alten, äusserst mobilen und aktiven Kleinkind herangewachsen. Obwohl sie noch nicht sprechen kann, lehrt sie uns Tag für Tag, wie sie sich auch so verständlich machen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Wege sie findet, um ihren Willen mehr als klar auszudrücken. Es ist eine regelrechte Wiederentdeckung der nonverbalen Kommunikation. Hat sie Hunger, marschiert sie zu ihrem Hochstuhl am Tisch und versucht, hinauf zu klettern. Sitzt sie dann drauf, zeigt sie auf das, was sie am liebsten essen will – vorzugsweise natürlich unser Dessert für Erwachsene – oder reckt sich nach ihrem Trinkbecher, so dass auch wir verstehen, dass sie Durst hat. Unterstützt wird das manchmal von einem energischen und fordernden «Mmh», das nur allzu deutlich «ich will» ausdrückt. Den gleichen Laut, aber mit einem fragenden Anheben der Stimme am Ende, benutzt sie, wenn sie etwas wissen möchte – ganz nach dem Motto, c’est le ton qui fait la musique. Ist sie müde, nimmt sie uns an der Hand und führt uns regelrecht ab – zu ihrem Bett, sodass wir sie hineinlegen können. Soweit so naheliegend.

Überraschend kreativ und damit noch unmissverständlicher wird sie aber, wenn sie nach draussen will – und das will sie ständig. Erst schleppt sie uns zur Haustür. Reicht das nicht, holt sie ihre kleinen Turnschuhe und drückt sie uns in die Hand. Reagieren wir nicht, versucht sie, die Schuhe selber anzuziehen – wodurch sie dann doch immerhin ein paar Minuten beschäftigt ist. Passiert immer noch nichts, bringt sie unsere grossen Schuhe zu uns. Stellen wir uns blöd an, demonstriert sie uns geduldig, dass diese an die Füsse gehören und hilft uns auch motiviert, reinzuschlüpfen. Spätestens dann hat sie meist gewonnen und wir machen uns bereit, nach draussen zu gehen. Dann wird jeweils auch klar, dass sie verbal ebenfalls schon sehr viel von dem versteht, was wir zu ihr sagen. Dinge wie «hol schon mal deine Jacke» oder «zieh bitte deine Mütze an», setzt sie dann ohne zu zögern um. Auch auf «wo ist denn dein Sonnenhut?» reagiert sie rasch und holt ihn da, wo sie ihn zuletzt vom Kopf gezupft hat. Es wird aber auch klar, dass ihr Zuhören schon jetzt sehr selektiv ist und sie uns vor allem dann versteht, wenn es nach ihrem Kopf geht. Ein «Nein», weil wir an diesem Tag trotz Regen schon dreimal draussen waren, ignoriert sie gern geflissentlich und schleppt uns weiter unermüdlich zur Tür. Dann muss auch ich als Texterin manchmal zu nonverbaler Kommunikation und selektivem Hören greifen, um mich verständlich zu machen – indem ich breitbeinig die Tür versperre, ihre Schuhe und Jacke für sie unerreichbar deponiere und ihren lautstarken Trotz dann einfach mal für ein Weilchen ignoriere…